Die deutsch-jüdische Fotografin Gerda Taro steht im Mittelpunkt eines neuen Spielfilms von Alina Marazzi. Das Mädchen mit der Leica feiert bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Weltpremiere und eröffnet dort die Wettbewerbssektion Orizzonti. Die Filmfestspiele finden vom 2. bis 12. September 2026 statt.
Die Sektion Orizzonti widmet sich aktuellen ästhetischen und erzählerischen Strömungen des internationalen Kinos und richtet ihren Blick besonders auf unabhängige Produktionen und weniger etablierte filmische Positionen. Marazzis 116 Minuten langer Film konkurriert dort um die von einer internationalen Jury vergebenen Auszeichnungen.
Ein letzter Tag in Paris
Der Film konzentriert sich nicht auf eine chronologische Nacherzählung von Taros kurzem Leben. Ausgangspunkt ist der 14. Juli 1937 in Paris. Gerda Taro verbringt den letzten Tag vor ihrer Rückkehr an die Front des Spanischen Bürgerkriegs mit Robert Capa und den Freunden, mit denen sie vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen ist.
Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich dabei zu einem Porträt einer jungen Frau, für die politische Überzeugung, persönliche Freiheit, Liebe und Fotografie untrennbar miteinander verbunden sind. Der Abschied trägt bereits das Wissen um das Kommende in sich: Wenige Tage später wurde Taro während der Schlacht von Brunete von einem republikanischen Panzer erfasst und tödlich verletzt.
Die Titelrolle übernimmt Emilia Schüle, Aaron Altaras spielt Robert Capa. Zum Ensemble gehören außerdem Luna Wedler als Ruth Cerf, Idan Weiss als David „Chim“ Seymour, Lucas Englander als Georg Kuritzkes, Hans-Christian Hegewald als Fred Stein und Lia von Blarer als Lilo Stein. Joel Basman ist als Bertolt Brecht zu sehen.
Die Bildgestaltung stammt von Manuel Alberto Claro, die Musik von Dominik Scherrer. Gedreht wurde zwischen September und Oktober 2025 unter anderem in Leipzig, Merseburg, Turin, Rom und Paris.
Aus dem Schatten Robert Capas
Gerda Taro wurde 1910 in Stuttgart geboren und floh nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Paris. Dort lernte sie den als André Friedmann geborenen Robert Capa kennen. Beide arbeiteten während des Spanischen Bürgerkriegs zunächst eng zusammen, bevor Taro zunehmend als eigenständige Fotoreporterin auftrat und schließlich allein an die Front reiste.
Gemeinsam entwickelten Taro und Friedmann die Figur des vermeintlich erfolgreichen amerikanischen Fotografen Robert Capa. Die Konstruktion erleichterte die Vermarktung ihrer Aufnahmen, trug aber zugleich dazu bei, dass Taros eigene Autorenschaft lange hinter dem später weltberühmten Namen ihres Partners zurücktrat. Auch die Zuordnung einzelner gemeinsam oder parallel entstandener Fotografien blieb teilweise unscharf. Der Film will diese Perspektive umkehren und Taro wieder ins Zentrum der Geschichte stellen.
Ihre Aufnahmen aus Spanien verbinden die formale Dynamik des Neuen Sehens mit einer großen körperlichen Nähe zum Geschehen. Sie zeigen Soldaten, Zivilisten, Flüchtlinge und Verwundete nicht aus sicherer Distanz, sondern als Menschen innerhalb eines Konflikts, zu dem Taro auch politisch Stellung bezog. Das International Center of Photography besitzt heute die weltweit umfangreichste Sammlung ihrer Arbeiten.
Erinnerungen statt Heldinnenbiografie
Grundlage des Films ist Helena Janeczeks Roman La ragazza con la Leica. Das 2017 erschienene Buch wurde 2018 mit dem Premio Strega, Italiens bedeutendstem Literaturpreis, ausgezeichnet. Janeczek rekonstruiert Taro darin vor allem über die Erinnerungen jener Menschen, die sie kannten und deren Leben durch Exil, Antifaschismus und Krieg geprägt wurden.
Regisseurin Alina Marazzi und Drehbuchautorin Valia Santella übernehmen diesen Ansatz offenbar für den Film. Gerda Taro erscheint nicht nur als Partnerin Robert Capas oder als früh verstorbene Ikone der Kriegsfotografie, sondern als Mittelpunkt eines Kreises junger Emigranten, Fotografen, Künstler und politischer Intellektueller.
Gerade darin liegt die fotografische Relevanz des Films. Das Mädchen mit der Leica erzählt nicht nur von einer Kamera an der Front, sondern von der Entstehung fotografischer Autorenschaft: davon, wer Bilder macht, unter welchem Namen sie erscheinen und wie schnell ein Werk hinter einer berühmteren Biografie verschwinden kann.
Mit der Weltpremiere in Venedig erhält Gerda Taro erneut jene Sichtbarkeit, die ihren Fotografien lange fehlte. Fast neun Jahrzehnte nach ihrem Tod kehrt sie dabei nicht als Randfigur der Capa-Legende zurück, sondern als Fotografin, politische Zeitzeugin und Autorin ihrer eigenen Bilder.















