Mit zwei Veranstaltungen hat die Deutsche Gesellschaft für Photographie am 19. September in Berlin zentrale Fragen der aktuellen Fotografie aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Während das Symposium „Photobook 2026“ in der Staatsbibliothek zu Berlin die Zukunft des Fotobuchs zwischen steigenden Produktionskosten, sinkenden Auflagen und neuen Publikationsformen diskutierte, richtete der gemeinsame Abend von DGPh und Fotografiska Berlin den Blick auf die Fotografie von heute – und darauf, was von ihr morgen als Zeitdokument bleiben könnte.
Photobook 2026: Das Buch unter Druck
Anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens hatte die DGPh zu einem Symposium eingeladen, das das Fotobuch ausdrücklich vor dem Hintergrund technologischer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen betrachtete. Den Auftakt machte am Vormittag „Photobook 2026“ im Humboldt-Saal der Staatsbibliothek Unter den Linden mit Beiträgen von Gerhard Steidl, Markus Schaden, Helmut Völter und Nikita Teryoshin sowie einer abschließende Diskussion über die aktuelle Situation des Mediums.
Eröffnet wurde der Tag von Prof. Dr. Achim Bonte, Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin. Unter den Gästen waren unter anderem das DGPh-Ehrenmitglied Marlene Schnelle-Schneyder sowie Manfred Heiting, Mäzen der DGPh und seit Jahrzehnten einer der international profiliertesten Kenner und Sammler des Fotobuchs.
Einen ebenso persönlichen wie ernüchternden Blick auf die gegenwärtige Situation des internationalen Fotobuchmarkts lieferte Gerhard Steidl. Er schilderte eine Entwicklung, bei der kontinuierlich steigende Produktionskosten auf rückläufige Auflagen treffen und hochwertige Fotobücher immer größere technische und wirtschaftliche Anstrengungen verlangen.
- Gerhard Steidl
- Nikita Teryoshin
- Miriam Zlobinski
Besonders deutlich wurde dies bei Steidls Schilderung seiner Investitionen in moderne Drucktechnik. Ohne die Unterstützung von Manfred Heiting, so Steidl, wären diese in dieser Form nicht möglich gewesen. Zugleich räumte er mit einem guten Maß Selbstironie ein, dass die wirtschaftliche Situation seines Verlags ohne diese Investitionen heute weniger dramatisch wäre. Sein Fazit brachte die Haltung, die hinter seinem verlegerischen Anspruch steht, auf einen ebenso lakonischen wie programmatischen Satz: „Für ein gutes Fotobuch pleite zu gehen, ist keine Schande.“
Damit war eines der zentralen Spannungsfelder des Symposiums formuliert. Das Fotobuch genießt als künstlerisches Medium international hohe Anerkennung, steht wirtschaftlich jedoch zunehmend unter Druck. Kleine Auflagen, steigende Papier-, Produktions- und Vertriebskosten sowie ein fragmentierter Markt stehen einem Anspruch gegenüber, bei dem Material, Reproduktion, Druck und Bindung elementarer Bestandteil des künstlerischen Werks sind.
Andere Perspektiven ergänzten dieses Bild. Markus Schaden brachte seine langjährige Erfahrung aus dem PhotoBookMuseum und der internationalen Fotobuchszene ein, Helmut Völter beschäftigte sich mit Fragen der Buchgestaltung, Nikita Teryoshin mit den Möglichkeiten des Selfpublishings. Ergänzt wurde das Programm durch eine Vorstellung der Berlin Summer School of Photography durch Miriam Zlobinski. Das Format verbindet fotografische Praxis mit Fragen nach Archiv, Bildgedächtnis und Vermittlung.
Zum Abschluss diskutierten Thomas Gust, Nadine Barth, Helmut Völter, Nikita Teryoshin und Markus Schaden über die gegenwärtige und zukünftige Rolle des Fotobuchs.
- Markus Schaden
- Thomas Gust, Nadine Barth, Nikita Teryoshin, Markus Schaden und Helmut Völter
Dabei wurde deutlich, dass die Krise des traditionellen Fotobuchmarkts keineswegs mit einem Bedeutungsverlust des Mediums gleichzusetzen ist. Vielmehr verschieben sich Produktionsweisen, Vertriebswege und Zielgruppen – während die besondere Qualität des Fotobuchs gerade in seiner physischen, dauerhaften Form liegt.
Photography Today — Tomorrow?
Am Abend setzte die DGPh den Berliner Jubiläumstag bei Fotografiska Berlin fort. Im Ballroom ging es beim Panel „Photography Today — Tomorrow?“ um die Veränderungen der Fotografie zwischen künstlerischer Praxis, Institutionen und Markt.
Claire Ducresson-Boët, Exhibitions Manager von Fotografiska Berlin, die Fotografin Verena Brüning, der Künstler Boris Eldagsen und Valentin Gienger von Leica Camera diskutierten darüber, wie neue Technologien und Bildformen die Fotografie verändern – und welche Konsequenzen daraus für Autorschaft, Erinnerung, Institutionen und Markt entstehen.
Gerade mit Boris Eldagsen saß dabei einer der Protagonisten der internationalen Diskussion über KI-generierte Bilder auf dem Podium. Dass diese Debatte längst nicht mehr allein technische Fragen berührt, sondern unmittelbar an das Selbstverständnis der Fotografie rührt, zeigte sich immer wieder im Verlauf des Gesprächs.
Der inhaltliche Bogen des Tages war damit bemerkenswert weit gespannt: Morgens stand mit dem Fotobuch eine der materiellsten und dauerhaftesten Formen fotografischer Vermittlung im Zentrum, am Abend ging es um ein Medium, dessen Grenzen durch digitale Bildproduktion und künstliche Intelligenz zunehmend neu definiert werden.
Tomorrow Will Be Yesterday
Den Abschluss bildete der Photo Slam „Tomorrow Will Be Yesterday“, ein gemeinsames Projekt der DGPh und Fotografiska Berlin. Ausgangspunkt war ein weltweiter Open Call mit einer bewusst offenen Frage: Welche Fotografien, die heute entstehen, könnten in fünf oder zehn Jahren als Dokumente unserer Gegenwart gelesen werden?
- Thomas Gerwers
Dabei ging es ausdrücklich nicht um Zukunftsvisionen oder Science Fiction. Gesucht waren fotografische Serien über Übergang, Veränderung und Werden – die Gegenwart als Rohmaterial der Erinnerung von morgen.
Die Resonanz war groß: Rund 200 fotografische Serien aus aller Welt wurden eingereicht. Eine international besetzte Jury mit Kathy Ryan, langjährige Director of Photography des New York Times Magazine, Claire Ducresson-Boët, Wolfgang Zurborn, Thomas Gerwers und Ralph Baiker wählte daraus zwölf Positionen aus.
Zu sehen waren Arbeiten von Ingeborg Everaerd, Jana Islinger, Natalia Kepesz, Simen Lambrecht, Barkat Mehra, Jasmina Mirasevic, Nora Obergeschwandner, Briar Pine, Oliver Raschka, Carlo Rusca, Valerie Schmidt und Thomas Wrede.
Die Serien wurden als zusammenhängende, von Wolfgang Zurborn sequenzierte Slideshow auf der großformatigen LED-Wand des Ballrooms präsentiert. Damit unterschied sich der Photo Slam bewusst von einem klassischen Wettbewerb. Nicht zwölf Sieger standen im Mittelpunkt, sondern zwölf sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Was geschieht heute, das uns morgen erzählen könnte, wer wir gewesen sind?
Gerade in dieser Form entwickelte der Abend eine Qualität, die über eine klassische Präsentation einzelner Portfolios hinausging. Unterschiedliche fotografische Handschriften, Themen und geografische Perspektiven wurden Teil einer gemeinsamen visuellen Erzählung. Die Frage, welche dieser Bilder tatsächlich Bestand haben und später einmal anders gelesen werden als heute, blieb dabei bewusst offen.
So erwiesen sich die beiden Berliner DGPh-Veranstaltungen trotz ihrer sehr unterschiedlichen Formate als zwei Seiten derselben Frage. Das Fotobuch kämpft um seine ökonomischen Voraussetzungen, behauptet aber gerade durch seine materielle Dauerhaftigkeit seinen Stellenwert. Gleichzeitig verändern digitale Technologien und KI grundlegend, wie Bilder entstehen, verbreitet und erinnert werden.
Dazwischen bleibt die Fotografie das, was sie immer auch war: ein Medium der Gegenwart, dessen eigentliche Bedeutung sich häufig erst im Rückblick erschließt.
Im 75. Jahr der DGPh war dieser Berliner Doppeltebent deshalb weniger eine Bestandsaufnahme als eine Standortbestimmung – zwischen dem, was die Fotografie bewahren will, und dem, was sie gerade erst wird.



























