Mit „Crowds“ legt Wolfgang Zurborn eine groß angelegte fotografische Bestandsaufnahme des öffentlichen Lebens vor. Der bei Kehrer erschienene Band versammelt Arbeiten aus den 1980er Jahren bis heute und folgt dabei keinem chronologischen Rückblick, sondern einem visuellen Prinzip: Zurborn untersucht, wie Menschen sich in Gruppen, Ritualen, Veranstaltungen und urbanen Situationen bewegen – und wie individuelle Gesten innerhalb kollektiver Strukturen sichtbar bleiben.
Seit mehr als vier Jahrzehnten richtet Zurborn seine Kamera auf politische, sportliche, religiöse, touristische und unterhaltende Ereignisse. Was bei ihm zunächst wie beiläufige Straßenfotografie erscheinen kann, ist präzise beobachtete Gesellschaftsfotografie. Menschen verschwinden nicht in der Masse, werden aber auch nicht als isolierte Einzelne herausgelöst. Entscheidend sind vielmehr die Beziehungen zwischen Personen, Raum, Zeichen, Medien und Umgebung.
Gerade darin liegt die Stärke der Arbeit. Zurborns Fotografien verzichten auf eine eindeutige visuelle Hierarchie. Vorder- und Hintergrund konkurrieren miteinander, Details entwickeln ihr Eigenleben, Blickachsen brechen ab und setzen sich an anderer Stelle fort. Was zunächst chaotisch wirkt, erschließt sich erst bei längerem Hinsehen als komplexe Ordnung. Für Fotografen ist dabei besonders interessant, wie konsequent Zurborn die vermeintliche Unübersichtlichkeit des öffentlichen Raums nicht reduziert, sondern produktiv nutzt.
Archivarbeit als Ausgangspunkt
Entstanden ist das Buchprojekt während der Corona-Pandemie. Als öffentliche Versammlungen plötzlich zum Stillstand kamen, begann Zurborn, sein Archiv neu zu sichten und hunderte analoge Farbnegative zu digitalisieren. Dabei entdeckte er über Jahrzehnte hinweg wiederkehrende Strukturen und Beziehungen zwischen Bildern, die ursprünglich in völlig unterschiedlichen Kontexten entstanden waren.
Dieser zeitliche Abstand verändert die Wahrnehmung. Bilder aus den 1980er und 1990er Jahren werden nicht zu nostalgischen Dokumenten, sondern wirken im Zusammenspiel mit neueren Arbeiten wie frühe Kapitel einer visuellen Untersuchung, die bis in die Gegenwart reicht. Gerade die historischen Aufnahmen aus Köln, Paris, Wackersdorf oder von der Loreley zeigen, wie stark Kleidung, Werbung, politische Zeichen, Freizeitkultur und mediale Präsenz gesellschaftliche Situationen strukturieren. Die Pressebildauswahl im Band unterstreicht diese Spannweite mit Fotografien aus den Jahren 1986 bis 1991.
Fotografie zwischen Dokument und Konstruktion
„Crowds“ ist dabei weniger klassische Reportage als eine Untersuchung darüber, wie fotografische Bedeutung aus Gleichzeitigkeit entsteht. Zurborn interessiert nicht der eine entscheidende Moment, sondern das komplexe Nebeneinander von Blicken, Körpern, Gesten und Zeichen.
Seine Fotografien besitzen oft etwas bewusst Überladenes. Genau darin liegt ihr dokumentarischer Wert: Sie reduzieren gesellschaftliche Wirklichkeit nicht auf eine einfache Aussage. Stattdessen machen sie sichtbar, wie widersprüchlich und schwer lesbar öffentlicher Raum sein kann.
Für heutige Fotografen ist dieser Ansatz auch deshalb relevant, weil er einer zunehmend algorithmisch geprägten Bildkultur eine Form des Sehens entgegensetzt, die nicht auf schnelle Eindeutigkeit zielt. Zurborns Bilder verlangen Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, das scheinbar Nebensächliche ernst zu nehmen.
Buch als visuelle Langform
Der Band wurde von Wolfgang Zurborn gemeinsam mit Kehrer Design gestaltet. Er erscheint als Broschur mit offener Bindung im Format 19,8 × 28 cm, umfasst 272 Seiten und enthält 131 Farbabbildungen. Ergänzt wird die Publikation durch ein Interview von Alasdair Foster mit Wolfgang Zurborn. Die Ausgabe ist zweisprachig in Deutsch und Englisch und kostet 58 Euro.
Zurborn, Jahrgang 1956, studierte an der Bayerischen Staatsschule für Fotografie in München sowie an der Fachhochschule Dortmund. 1985 erhielt er das Otto-Steinert-Stipendium der DGPh. Gemeinsam mit Tina Schelhorn leitet er seit 1986 die Galerie Lichtblick in Köln; 2010 gründete er die Lichtblick-Schule. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, zudem lehrte er Fotografie an Hochschulen und Institutionen im In- und Ausland.
Mit „Crowds“ entsteht aus dieser jahrzehntelangen Beobachtung kein abgeschlossenes gesellschaftliches Panorama, sondern eher ein offenes Archiv kollektiver Zustände. Zurborns Fotografien zeigen, dass Masse und Individualität keine Gegensätze sein müssen – und dass gerade im scheinbaren Durcheinander öffentlicher Situationen jene kleinen Gesten sichtbar werden, an denen sich gesellschaftlicher Wandel ablesen lässt.

















