Anlässlich seines 90. Geburtstags widmet C/O Berlin dem Fotografen Walter Schels die erste große Retrospektive in Berlin. Die Ausstellung „16° Fische“, die in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach entstanden ist, versammelt mehr als 300 Arbeiten aus nahezu sieben Jahrzehnten und eröffnet einen neuen Blick auf das Werk eines der bedeutendsten deutschen Fotografen der Gegenwart.
- Walter_Schels, Schwarzes Schaf, 1984, Stiftung FC Gundlach
- Walter Schels, Schaf, 1984, Stiftung FC Gundlach
Bekannt wurde Walter Schels vor allem durch seine eindringlichen Schwarzweißporträts. Seit den 1980er-Jahren entwickelte er eine unverwechselbare Bildsprache, die Menschen auf das Wesentliche reduziert und zugleich ihre Individualität sichtbar macht. In Langzeitprojekten wie „Blind“, „Noch mal leben“ oder „trans*“ beschäftigt sich Schels mit grundlegenden Fragen menschlicher Existenz, mit Identität, Wahrnehmung und den Übergängen des Lebens. Seine Porträts zeigen Neugeborene ebenso wie Hundertjährige, prominente Persönlichkeiten ebenso wie unbekannte Menschen. Auch Tiere und Pflanzen werden bei ihm zu eigenständigen Gegenübern.

Walter Schels, Selbstporträt,zweimal rechte Gesichtshälfte, 1985, Stiftung FC Gundlach
Die Retrospektive geht jedoch weit über die bekannten Werkgruppen hinaus. Im Zentrum steht eine bislang kaum bekannte Seite seines Schaffens: das experimentelle Werk. Grundlage der Ausstellung ist die Sichtung mehrerer Tausend Arbeiten aus dem Archiv des Fotografen. Dabei wurde deutlich, wie konsequent Schels parallel zu seinen dokumentarischen und porträtierenden Arbeiten mit fotografischen Verfahren experimentierte.
Bereits während seiner Aufenthalte in New York in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden neben Street-Photography-Serien auch ungewöhnliche Studien urbaner Strukturen. Kanaldeckel, Fassaden und Hochhäuser werden in Fotomontagen, Doppelbelichtungen und Überzeichnungen zu eigenständigen Bildwelten verdichtet. Die Stadt erscheint dabei nicht als dokumentierter Ort, sondern als psychologischer Raum zwischen Realität und Imagination.
Transformation ist ein zentrales Motiv in Schels‘ Werk. Für ihn ist ein Bild niemals abgeschlossen. Mit Solarisationen, Übermalungen, Collagen und experimentellen Dunkelkammertechniken überschreitet er die Grenzen der klassischen Fotografie und nähert sich der Malerei an. In aktuellen Arbeiten arbeitet er direkt mit Fotochemikalien und Pflanzenfragmenten, wodurch die Materialität des fotografischen Prozesses selbst zum Bildthema wird.
Die Ausstellung zeigt zahlreiche originale Handabzüge, darunter großformatige Schwammentwicklungen sowie Fotografien, die Schels über viele Jahre hinweg immer wieder bearbeitet und verändert hat. Dadurch wird sichtbar, dass seine Bilder weniger als abgeschlossene Werke zu verstehen sind als vielmehr als Teil eines fortlaufenden künstlerischen Prozesses.
Der Titel „16° Fische“ verweist auf die astrologische Konstellation zum Zeitpunkt seiner Geburt. Die Sonne stand damals bei 16 Grad im Sternzeichen Fische. Für Walter Schels ist dies eine poetische Selbstbeschreibung, die Eigenschaften wie Sensibilität, Intuition und Offenheit für Verwandlung mit seinem künstlerischen Selbstverständnis verbindet.
Mit „16° Fische“ würdigt C/O Berlin nicht nur das Lebenswerk eines außergewöhnlichen Fotografen. Die Ausstellung macht zugleich deutlich, wie vielschichtig und experimentierfreudig Walter Schels über Jahrzehnte gearbeitet hat. Sie lädt dazu ein, bekannte Bilder neu zu entdecken und bislang verborgene Aspekte seines Schaffens kennenzulernen.
- Juni bis 2. September 2026, C/O Berlin, Amerika Haus, Berlin
Foto oben: Walter Schels, Moisis, Katze Nr.2, 1980, Stiftung FC Gundlach















