Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Fotografie veranstaltet C/O Berlin am 22. August 2026 ein ganztägiges Programm im Amerika Haus. Unter dem Titel „200 Years and Counting“ blickt die Institution in der Woche des World Photography Day auf die Geschichte des Mediums zurück und stellt zugleich die Frage nach seiner Zukunft in einer Zeit, die von Künstlicher Intelligenz, digitalen Infrastrukturen und einer beispiellosen Bilderflut geprägt ist.
Ausgangspunkt ist eine der frühesten erhaltenen Fotografien von Joseph Nicéphore Niépce um 1826. Von dort aus spannt C/O Berlin den Bogen über die Erfindung des Smartphones und die damit verbundenen neuen sozialen Gebrauchsweisen fotografischer Bilder bis zur Gegenwart algorithmischer Bildproduktion. Im Zentrum stehen Fragen, die derzeit den fotografischen Diskurs prägen: Welche Rolle spielt Fotografie heute? Wie bleibt sie relevant? Und wie verändert KI unser Verständnis von Bild, Realität und Autorschaft?
Das Programm bringt internationale Stimmen aus Kunst, Fotografie, Medienwissenschaft und Bildtheorie zusammen. Diskutiert werden die Geschichte der Fotografie, ihre Funktion als kulturelles Gedächtnis und ihre Zukunft in einer visuellen Kultur, in der technische Bilder nicht mehr zwingend aus der Kamera kommen müssen. C/O Berlin nimmt das Jubiläum damit nicht zum Anlass nostalgischer Rückschau, sondern als Moment kritischer Standortbestimmung.

Kate Crawford.
Courtesy of Robert Bosch Academy
Zu den zentralen Programmpunkten gehört die Keynote „The Metabolism of AI Slop“ der international renommierten KI-Forscherin, Autorin und Künstlerin Kate Crawford. Crawford zählt zu den einflussreichsten Stimmen in der Debatte um die materiellen, ökologischen und politischen Dimensionen gegenwärtiger KI-Systeme. Ihr Vortrag widmet sich der Verbreitung synthetischer Bilder und fragt nach den Bedingungen, Kosten und Machtstrukturen, die hinter der scheinbar immateriellen Produktion künstlicher Bildwelten stehen.
Die Perspektive auf die Vergangenheit eröffnet das Panel „Looking Back“. Michelle Henning, Susanne Kriemann und Ryan S. Jeffrey diskutieren unter der Moderation von Steffen Siegel neue Ansätze der Fotohistoriografie. Dabei geht es nicht nur um kanonische Bildgeschichte, sondern auch um Materialität, Infrastruktur und die verborgenen Bedingungen fotografischer Produktion. Fotografie erscheint hier nicht allein als Bild, sondern als technisches, soziales und ökonomisches System.
Das Panel „Looking Forward“ richtet den Blick in die Zukunft. Florian Ebner, Chefkurator der Fotosammlung am Centre Pompidou in Paris, die Autorin und Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout sowie der Künstler Armin Linke verhandeln, wie KI, vernetzte Bilder und digitale Bildkulturen unser Verständnis von fotografischer Praxis, Realität und Öffentlichkeit verändern. Gerade im Jubiläumsjahr wird damit deutlich, dass Fotografie nicht nur eine 200-jährige Geschichte hat, sondern auch vor einer grundlegenden Neuverhandlung ihres Status steht.

Endangered Gestures, 2026, Videostill, 5 Min. © Bruce Eesly
Ergänzt wird das Programm durch den Workshop „Adversarial Acts: Subversive Artistic Practices with AI“ des Künstlers Bruce Eesly. Der englischsprachige Lecture-Workshop richtet sich an Künstler, Forscher und Kreative und fragt nach kritischen, subversiven und entschleunigten Formen des Umgangs mit KI. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass KI häufig als Werkzeug bestehender Machtstrukturen erscheint: Sie basiert auf der Aneignung kreativer Arbeit, auf ausgelagerten Arbeitsprozessen, auf Rohstoffabbau und auf Infrastrukturen, die Überwachung, Desinformation und algorithmische Verzerrung begünstigen können. Der Workshop sucht nach künstlerischen Strategien, die diese Systeme nicht nur nutzen, sondern auch sichtbar machen, verweigern oder zweckentfremden.
Den Abschluss bildet ein Open-Air-Kurzfilmprogramm im Innenhof des Amerika Hauses. Gezeigt werden Arbeiten von Bruce Eesly, Daphné Nan Le Sergent, Gala Hernández López und Ryan S. Jeffrey. Die Filme setzen sich mit der Geschichte der KI, ihrem Verhältnis zur Fotografie, ihrem ökologischen Fußabdruck und ihrer Rolle in geopolitischen Zusammenhängen auseinander.
Bruce Eeslys „Endangered Gestures“ verbindet KI-generierte Handgesten mit Begriffen, die in autoritären Kontexten zunehmend aus öffentlichen Dokumenten, Archiven und digitalen Infrastrukturen verschwinden. Daphné Nan Le Sergents Video-Essay „Silicon Islands and War“ verknüpft die Geschichte fotografischer Bildauflösung mit der Entwicklung von Halbleitertechnologien und der geopolitischen Bedeutung asiatischer Chipproduktion. Gala Hernández López’ „Like Moths to Light“ führt in eine Zukunft, in der Träume, neuronale Daten und KI-basierte Entschlüsselungssysteme miteinander verschmelzen. Ryan S. Jeffreys „An Engineer / Not a Camera“ wiederum verbindet Fotolithografie, Chipproduktion und generative Bilder zu einer Reflexion über Technologien, die aus der Fotografie hervorgegangen sind und heute Bilder erzeugen, ohne die Welt sehen zu müssen.

Endangered Gestures, 2026, Videostill, 5 Min. © Bruce Eesly
„200 Years and Counting“ versteht das Jubiläum der Fotografie somit nicht als abgeschlossene Erfolgsgeschichte, sondern als offene Frage. Seit Niépce ist Fotografie ein Medium der Aufzeichnung, der Erinnerung, der Bezeugung, der Kontrolle und der Imagination. Heute steht sie an einem Punkt, an dem ihre technischen Grundlagen, ihre sozialen Funktionen und ihre kulturelle Autorität neu verhandelt werden. C/O Berlin macht diesen Übergang zum Thema eines Programms, das Geschichte, Gegenwart und Zukunft fotografischer Bilder miteinander verschränkt.
Die Veranstaltung findet am 22. August 2026 von 12 Uhr bis Mitternacht im C/O Berlin im Amerika Haus statt. Die Teilnahme ist mit Ausstellungsticket kostenfrei. Die Anmeldung ist ab August online möglich.
Abb. oben: Design – Naroska
„200 Years and Counting“
Zum Jubiläum der Fotografie
22. August 2026, 12 bis 24 Uhr
C/O Berlin Foundation
Amerika Haus
Hardenbergstraße 22–24
10623 Berlin
Eintritt: 15/8 Euro
Teilnahme am Programm kostenfrei mit Ausstellungsticket














