Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet Florence Henri eine Ausstellung mit rund 80 Fotografien, Gemälden, Zeichnungen und Collagen. „Fokus. Florence Henri (1893–1982)“ zeichnet den Weg der Künstlerin von der Musik über die Malerei bis zu einer der wichtigsten Positionen des Neuen Sehens nach.
Florence Henri bewegte sich mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit zwischen den Zentren der europäischen Avantgarde. Sie war Musikerin in Paris und London, studierte Malerei in Berlin, Düsseldorf und Paris und besuchte am Bauhaus Kurse von Paul Klee, László Moholy-Nagy, Josef Albers und Wassily Kandinsky. Bekannt wurde sie jedoch vor allem durch ihre Fotografie, deren experimentelle Bildsprache sie zu einer zentralen Vertreterin des Neuen Sehens machte.
- Florence Henri, Jeanne Lanvin, 1929
- Florence Henri, Porträt-Komposition, 1937
- Florence Henri, Porträt (Lore), 1935
Vom 29. August 2026 bis zum 10. Januar 2027 präsentiert das Zentrum Paul Klee in Bern die erste Einzelausstellung Florence Henris in der Schweiz seit mehr als 40 Jahren. Die Schau ist Teil der Dauerausstellung „Kosmos Klee. Die Sammlung“ und umfasst rund 80 Werke aus unterschiedlichen Phasen ihres Schaffens.
Henris künstlerische Entwicklung begann zunächst am Klavier. Schon früh feierte sie als Pianistin Erfolge, gab die Musik jedoch aufgrund ihrer ausgeprägten Selbstkritik auf und begann 1914 eine Ausbildung zur Malerin. In Berlin kam sie über den Kunsthistoriker Carl Einstein mit Künstlern wie Hans Richter, Iwan Puni und László Moholy-Nagy in Kontakt. Nach ihrem Umzug nach Paris studierte sie bei André Lhote, Fernand Léger und Amédée Ozenfant. Kubistische Einflüsse und die Begegnungen mit Piet Mondrian, Sonia und Robert Delaunay, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp führten zu einer zunehmenden Geometrisierung ihrer Arbeiten.
Vom Bauhaus zur Fotografie
1927 besuchte Henri als Hospitantin das Bauhaus in Dessau. Weniger die Vermittlung einzelner Techniken als die künstlerische Atmosphäre der Schule dürfte sie angezogen haben. Besonders Moholy-Nagys Konzept des Neuen Sehens und der Austausch mit Lucia Moholy verstärkten ihr Interesse an der Fotografie.

Florence Henri
Selbstporträt, 1928
Bereits kurze Zeit später entwickelte Henri eine unverwechselbare Bildsprache. Ihre Fotografien verbinden präzise Kompositionen mit starken Licht-Schatten-Kontrasten, ungewohnten Perspektiven und einem gezielten Wechsel zwischen Schärfe und Unschärfe. Spiegel, glänzende Kugeln und geometrische Flächen brechen den Bildraum auf und erzeugen mehrere gleichzeitig sichtbare Perspektiven. Realität, Spiegelbild und abstrakte Form lassen sich dabei häufig kaum noch voneinander trennen.
Aufmerksamkeit erregten ihre Fotografien bereits 1928. Henri nahm an wichtigen Ausstellungen wie „Fotografie der Gegenwart“ im Museum Folkwang und „Film und Foto“ in Stuttgart teil. Nach dem Verlust eines großen Teils ihres Erbes durch die Weltwirtschaftskrise eröffnete sie in Paris ein Fotoatelier, das rasch zu den bekanntesten der Stadt zählte. Dort unterrichtete sie unter anderem Gisèle Freund, Lisette Model und Lore Krüger.
Neben Stillleben und experimentellen Kompositionen entstanden zahlreiche Porträts. Vor Henris Kamera standen Künstler und Persönlichkeiten wie Wassily Kandinsky, Fernand Léger, Hans Arp, Sonia und Robert Delaunay oder die Modeschöpferin Jeanne Lanvin. Ihre Arbeiten wurden in Zeitschriften veröffentlicht und in internationalen Ausstellungen in Paris, New York, London, München und Essen gezeigt.
Sehen als Konstruktion
Henris Fotografie zielte nicht auf eine vermeintlich objektive Wiedergabe der Welt. Ihre Aufnahmen machen vielmehr deutlich, dass Wahrnehmung immer von Ausschnitt, Standpunkt und Komposition bestimmt wird. Spiegel werden bei ihr nicht zum dekorativen Effekt, sondern zu Instrumenten einer visuellen Analyse. Sie vervielfachen Räume, verunsichern Größenverhältnisse und machen den fotografischen Blick selbst zum Thema.
Während des Zweiten Weltkriegs erschwerten Materialknappheit und Einschränkungen ihre fotografische Arbeit. Henri wandte sich deshalb wieder verstärkt der Malerei zu. Auch wenn sich ihre späteren Werke formal deutlich von den frühen Fotografien unterscheiden, blieb das Interesse an Komposition, Wahrnehmung und den Bedingungen des Sehens bestimmend.
Die Ausstellung in Bern zeigt deshalb nicht nur die bekannte Fotografin, sondern eine vielseitige Künstlerin, deren Werk sich zwischen Musik, Malerei, Fotografie und Collage entwickelt hat. Fotografien wie das Selbstporträt von 1928 oder ihre Stillleben-Kompositionen treffen dabei auf abstrakte Gemälde und farbintensive Reisebilder. So wird sichtbar, wie konsequent Henri die Grenzen zwischen den Medien überschritt.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Roberto Lacarbonara und Giovanni Battista Martini. Sie entstand in Kooperation mit dem Palazzo Ducale in Genua und dem Archiv Florence Henri.
Foto oben: Florence Henri, Stillleben-Komposition, 1929
Alle Fotos: © Martini & Ronchetti, courtesy Archives Florence Henri
Fokus. Florence Henri (1893–1982)
Zentrum Paul Klee, Bern
29. August 2026 bis 10. Januar 2027


















