Mit „ENCHANTING COLOUR“ bringt Chaussee 36 Photography in Berlin historische Positionen der Farbfotografie mit aktuellen Arbeiten von Marta Djourina zusammen. Die von Mathilde Leroy kuratierte Ausstellung spannt einen Bogen von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart und untersucht, wie Farbe jenseits ihrer rein abbildenden Funktion zum eigenständigen fotografischen Material wird.
Zu sehen sind Arbeiten von Nobuyoshi Araki, Erwin Blumenfeld, Marta Djourina, Harold Edgerton, René Groebli, Sarah Moon, Norman Parkinson und Thomas Ruff. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Fotografen Farbe über unterschiedliche Epochen hinweg eingesetzt, manipuliert und neu definiert haben. Neben bekannten Positionen aus der Collection De Gambs werden auch Abzüge gezeigt, die bislang nicht öffentlich präsentiert wurden.
- Harold Edgerton, 30 Bullets Piercing an Apple, dye transfer print, 1964 © 2010 MIT. Courtesy of MIT Museum
Farbe als fotografisches Material
Farbfotografie ist heute selbstverständlich. Historisch jedoch musste sie sich lange gegen die Vorstellung behaupten, Schwarzweiß sei das eigentlich künstlerische fotografische Medium. „ENCHANTING COLOUR“ setzt genau an dieser Entwicklung an und zeigt, wie Fotografen Farbe nicht nur abbildeten, sondern aktiv formten.
Das Spektrum reicht von Handkolorierungen, Dye-Transfer-Verfahren und Carbon Prints über Mehrfachbelichtungen und Farbfilter bis zu digitalen Fotogrammen. Damit wird Farbe weniger als nachträgliche Eigenschaft eines Motivs behandelt, sondern als Ergebnis fotografischer Entscheidungen und technischer Prozesse.
Einen zentralen Gegenpol zu den historischen Arbeiten bilden die Werke der 1991 in Sofia geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Marta Djourina. Ihre abstrakten Farbkompositionen entstehen ohne Kamera direkt in der Dunkelkammer. Unterschiedliche Lichtquellen treffen auf lichtempfindliches Papier und erzeugen Formen, Farben und Verläufe, die zwischen Fotogramm, Zeichnung und Objekt changieren.
Djourina arbeitet dabei unter anderem mit gefaltetem Fotopapier, Collagen, Texturen, Biolumineszenz und Lichtzeichnungen. Die Ergebnisse lösen sich zunehmend vom klassischen zweidimensionalen Abzug und greifen als räumliche beziehungsweise skulpturale Arbeiten in den Ausstellungsraum ein.
- Marta Djourina, Glowing Attraction, 2021–2022, direct exposure on analogue photo paper with bioluminescent algae © Marta Djourina and VG-Bildkunst
- Marta Djourina, Untitled, 2020, direct exposure with different light sources on analogue photo paper © Marta Djourina and VG-Bildkunst
- Marta Djourina, Untitled, 2026, direct exposure with different light sources on folded analogue photo paper © Marta Djourina and VG-Bildkunst
Von Blumenfeld bis Ruff
Die historischen Positionen zeigen, wie unterschiedlich Farbe im Laufe der Fotografiegeschichte eingesetzt wurde. Erwin Blumenfeld und René Groebli experimentierten bereits in den 1940er und 1950er Jahren mit Mehrfachbelichtungen und intensiven Farbflächen. Norman Parkinson brachte Farbe offensiv in die Modefotografie ein, während der Pionier der Hochgeschwindigkeitsfotografie Harold Edgerton sie für wissenschaftliche und künstlerische Untersuchungen nutzte.
Bei Nobuyoshi Araki und Sarah Moon erhält Farbe dagegen eine stärker emotionale, poetische beziehungsweise nostalgische Funktion. Thomas Ruff steht schließlich für den Übergang in eine digitale Bildwelt: Seine Arbeiten übertragen das historische Prinzip des Fotogramms in eine virtuelle 3D-Dunkelkammer und erschließen damit neue Möglichkeiten künstlich erzeugter Farbverläufe.
Gerade durch diese Gegenüberstellung wird sichtbar, dass experimentelle Farbfotografie keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel der Fotogeschichte ist. Viele der Fragen, mit denen historische Fotografen auf chemischem und optischem Weg arbeiteten, kehren heute unter digitalen Vorzeichen wieder.
- Thomas Ruff, ch.phg.01, 2014, chromogenic print © Thomas Ruff and VG-Bildkunst, 2026
Historischer Dialog
„ENCHANTING COLOUR“ versteht sich entsprechend weniger als chronologische Geschichte der Farbfotografie denn als Dialog zwischen Generationen und Verfahren. Die Ausstellung zeigt, wie technische Innovation immer wieder neue ästhetische Möglichkeiten hervorgebracht hat – von aufwendigen analogen Verfahren bis zur vollständig digital konstruierten Bildwelt.
Eröffnet wird die Ausstellung am 24. September 2026 von 19 bis 21 Uhr. Am 26. September findet um 15 Uhr eine Kuratorenführung mit Marta Djourina statt. Zu sehen ist „ENCHANTING COLOUR“ anschließend bis zum 19. Dezember 2026 bei Chaussee 36 Photography in Berlin.
Foto oben: René Groebli, Portrait of artist Aja Iskander Schmidlin, archival pigment print, 1970
© René Groebli Estate / Bildhalle
Chaussee 36 Photography
Chausseestraße 36
10115 Berlin
Donnerstag bis Samstag, 13 bis 18 Uhr
Eintritt frei




















