Mit UNSEEN legt der Fotograf Andreas Jorns seinen zehnten Bildband vor – und zugleich ein Buch, das sich bewusst jeder klassischen „Best-of“-Logik entzieht.

Über zwei Jahrzehnte hinweg hat Jorns die Porträtfotografie verfolgt, zunächst aus Leidenschaft, später professionell und mit wachsender öffentlicher Wahrnehmung durch Ausstellungen und zahlreiche Publikationen. Doch parallel zu den veröffentlichten Arbeiten entstand ein stilles Archiv aus Bildern, die nie den Weg an die Öffentlichkeit fanden. UNSEEN ist die konsequente Entscheidung, genau diesen bislang unsichtbaren Teil seines Werkes sichtbar zu machen.
Der Band ist weniger Rückschau als Neuordnung. Statt einer kuratierten Erfolgsbilanz präsentiert Jorns eine Werkschau der „zweiten Reihe“ – Fotografien, die aus unterschiedlichen Gründen zurückgestellt wurden und nun, im Kontext einer bewussten Auswahl und Sequenzierung, eine eigenständige Qualität entfalten. Gerade hierin liegt die besondere Stärke des Buches: Es wirkt nicht wie eine Zusammenfassung, sondern wie eine Entdeckung. Die monatelange Arbeit an Sichtung, Auswahl und Texten ist dem Band anzumerken; Bild und Wort treten in einen ruhigen, reflektierten Dialog.

UNSEEN ist zugleich formal und inhaltlich opulent. Format, Umfang und Gewicht unterstreichen den Anspruch, mehr als nur eine Sammlung vorzulegen. Die Porträts, entstanden über rund fünfzehn Jahre, zeigen Begegnungen und Momente zwischen Nähe und Distanz, Intimität und Zurückhaltung. Die eingestreuten Texte sind keine erklärenden Kommentare, sondern persönliche Reflexionen, die den Blick öffnen, ohne ihn zu lenken. Sie geben Einblick in Entstehungssituationen, Zweifel und Entwicklungen – und machen den Band zu einem sehr persönlichen Dokument.

Bemerkenswert ist auch die biografische Dimension des Projekts. Die erneute Auseinandersetzung mit längst vergessenen Bildern führte bei Jorns zu einer Wiederentdeckung jener ursprünglichen Begeisterung für die Porträtfotografie, die ihn einst antrieb. UNSEEN ist damit nicht nur ein fotografisches Buch, sondern auch ein Prozess der Selbstvergewisserung. Es markiert einen Punkt des Innehaltens, ohne sich endgültig festzulegen – Abschluss und Übergang zugleich.
In einer Zeit, in der fotografische Publikationen oft auf schnelle Wirkung und visuelle Verdichtung setzen, geht UNSEEN den entgegengesetzten Weg. Der Band entfaltet seine Kraft im Wiedersehen, im langsamen Blättern, im bewussten Betrachten. Das Ungesehene wird hier nicht als Restbestand präsentiert, sondern als eigenständiges Kapitel eines umfangreichen Werks. Gerade diese leise, aber konsequente Haltung macht UNSEEN zu einem der persönlichsten Bücher im Schaffen von Andreas Jorns – und zu einer Einladung, Fotografie nicht nur als Bild, sondern als fortlaufenden Dialog mit sich selbst zu begreifen.













