Jetzt stehen die zwölf fotografischen Positionen für „Tomorrow Will Be Yesterday“ fest. Aus rund 200 internationalen Einreichungen hat die Jury jene Serien ausgewählt, die am 19. September bei Fotografiska Berlin als sequenzierte Slideshow mit Live-Musik präsentiert werden. Der gemeinsame Open Call von DGPh und Fotografiska präsentiert Arbeiten, die die Gegenwart als mögliches Zeitdokument der Zukunft lesbar machen.
Der Ausgangspunkt des Projekts ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Welche Bilder von heute könnten in fünf oder zehn Jahren als Dokumente ihrer Zeit gelesen werden?
Gesucht waren deshalb keine Zukunftsvisionen und keine Science-Fiction-Entwürfe, sondern bestehende fotografische Serien zu Übergang, Werden und Wandel – Arbeiten, in denen sich Entwicklungen bereits abzeichnen, deren historische Bedeutung vielleicht erst später vollständig sichtbar wird.
Nach Abschluss des Open Calls und eines mehrstufigen Juryverfahrens ist die Auswahl nun entschieden.
Von rund 200 Serien auf zwölf Positionen
Rund 200 Serien aus aller Welt wurden eingereicht. Zur Jury gehörten Kathy Ryan, langjährige Director of Photography des New York Times Magazine, Claire Ducresson-Boët von Fotografiska Berlin, Fotograf Wolfgang Zurborn, Thomas Gerwers, Chefredakteur von ProfiFoto und Leiter der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht, sowie Ralph Baiker, Leiter der DGPh-Sektion Bild. Moderiert wurde die Jury von DGPh-Vorsitzendem Ruediger Glatz, der selbst nicht stimmberechtigt war.
Natalia Kepesz: „Niewybuch“
Eine der unmittelbar politischsten Positionen stammt von Natalia Kepesz. Ihre Serie „Niewybuch“ führt in die Welt polnischer Militärcamps und -clubs, die in den vergangenen Jahren starken Zulauf erfahren haben.
- Natalia Kepesz, Niewybuch
Kinder und Jugendliche werden dort spielerisch an militärische Disziplin, Gehorsam, Patriotismus und den Umgang mit Waffen herangeführt. Kepesz bewegt sich fotografisch zwischen kindlicher Abenteuerlust und einem zunehmend militarisierten gesellschaftlichen Klima. Gerade diese Ambivalenz macht die Arbeit zu einem möglichen Zeitdokument: Was heute noch wie Freizeitbeschäftigung erscheint, könnte rückblickend als Symptom einer politischen Entwicklung gelesen werden.
Valerie Schmidt: „Schemen uns ähnlicher Wesen und ihr ungeordnetes Pläsier“
Valerie Schmidt nähert sich dem Thema Zukunft wesentlich abstrakter.
Ihre Serie entsteht aus Recherche, performativem Experiment und materiellen Versuchsanordnungen. Stoffe, Papier, Flüssigkeiten und Alltagsmaterialien scheinen zeitweise Körper, Gesichter oder Haltungen anzunehmen, ohne eindeutig menschlich zu werden.
- Valerie Schmidt-Schemen
Die Arbeit untersucht den Moment, in dem etwas sichtbar wird – und sich der Eindeutigkeit zugleich wieder entzieht. Fotografie erscheint hier nicht als Mittel, einen stabilen Zustand zu dokumentieren, sondern als Medium des Übergangs. Das Bild hält nicht fest, „was ist“, sondern was sich für einen kurzen Augenblick ereignet.
Simen Lambrecht: „82c9940_the Art of Living Twice“
Bei Simen Lambrecht wird Erinnerung selbst zum Rohstoff einer zukünftigen Identität.
„82c9940_the Art of Living Twice“ entstand aus dem Briefarchiv seiner verstorbenen Großmutter. Orte, Gegenstände, Briefe und ererbte Erinnerungen verbinden sich mit der Gegenwart des Fotografen.
- Sinem Lambrecht, a rollator set on fire behind my grandmother’s house
Die Serie versteht Nostalgie dabei nicht als rückwärtsgewandte Sehnsucht. Erinnerung wird vielmehr produktiv: Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich und erzeugen eine neue gemeinsame Erzählung.
Damit greift Lambrecht einen zentralen Gedanken des Open Calls auf: Zukunft entsteht nicht nur aus Neuem, sondern ebenso aus dem, was wir bewahren, weitergeben und neu interpretieren.
Oliver Raschka: „Tween“
Oliver Raschka dokumentierte zwischen 2019 und 2023 den Übergang seiner Söhne von der Kindheit zur Adoleszenz.
„Tween“ ist zugleich Familiengeschichte und visuell-soziologische Langzeitbeobachtung. Pandemie, Lockdowns, politische Polarisierung, Krieg in Europa, Klimaangst und eine wachsende Unsicherheit über die Zukunft werden nicht direkt gezeigt. Ihre Spuren erscheinen vielmehr im Alltag der Jugendlichen – in Nähe und Distanz, Rebellion und Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Widerstandskraft.
- Oliver Raschka-TWEEN
Gerade darin liegt die dokumentarische Qualität der Serie. Die großen Krisen unserer Zeit erscheinen nicht als Nachrichtenereignisse, sondern als Hintergrundrauschen einer Generation, deren Selbstverständnis sich unter ihren Bedingungen formt.
Carlo Rusca: „248-CH“
Eine ungewöhnliche Position steuert Carlo Rusca bei.
„248-CH“ beschäftigt sich mit UFO- beziehungsweise UAP-Sichtungen in der Südschweiz. Zwischen 1980 und 2000 wurden insbesondere im Tessin zahlreiche ungeklärte Phänomene gemeldet. Parallel dazu hatte die Schweizer Eidgenossenschaft gemeinsam mit Armee und Luftwaffe eine geheime Untersuchung gestartet.
- Carlo Rusca-Crop Circles
Das inzwischen freigegebene Dossier 248-CH bildet einen Ausgangspunkt für Ruscas fotografische Recherche. Die Arbeit bewegt sich zwischen Landschaft, Archiv, Zeugenschaft und Spekulation – und damit genau in jenem Grenzbereich, in dem Fotografie traditionell zwischen Beweis und Projektion angesiedelt ist.
Ingeborg Everaerd: „At Sea I Dream of Land, On Land I Dream of Sea“
Ingeborg Everaerd verbindet persönliche Erinnerung mit einem fotografischen Nachlass.
Im Zentrum steht ihr Freund Steen, der mehr als vier Jahrzehnte auf einem Schiff lebte und sich als Nomade verstand. Alter, Krankheit und Armut zwangen ihn schließlich an Land. Nach seinem Tod im Januar 2024 blieben Tausende Negative zurück.
- Ingeborg Everaerd-The Mask
Everaerd verbindet diese Bilder mit ihren eigenen Porträts aus seinen letzten Lebensjahren. Ein Leben wird dadurch über verschiedene Zeiten hinweg fotografisch weitergeführt.
Die Serie zeigt exemplarisch, wie Fotografie Erinnerung nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu aktiviert.
Nora Obergeschwandner: „image and subject“
Nora Obergeschwandner richtet den Blick auf junge Männer in einer Phase, in der traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit an Selbstverständlichkeit verlieren.
Ihre Porträts (Foto oben) entstanden in Wohnungen und vertrauten Umgebungen der Protagonisten. Sie bilden keine homogene Generation ab, sondern widersprüchliche Positionen: Manche erleben weiterhin den Druck, stark, dominant und unerschütterlich zu sein, andere empfinden traditionelle Geschlechterrollen bereits als weitgehend irrelevant.
Damit dokumentiert die Arbeit weniger eine Antwort auf die Frage „Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein?“ als vielmehr den Moment, in dem sich die Frage selbst verändert.
Gerade deshalb passt die Serie zum Grundgedanken des Projekts: Sie hält einen Übergang fest, bevor klar ist, welche Vorstellungen künftig bestehen bleiben.
Barkat Mehra: „Underwood“
Bei Barkat Mehra wird ein hundertjähriges Haus im Südosten Englands zum Schauplatz von Familiengeschichte, Migration, Verlust und kultureller Identität.
Als Tochter indischer Einwanderer setzt sich Mehra mit der Frage auseinander, wie britische und indische Vorstellungen von Heimat, Familie und Zugehörigkeit innerhalb eines gemeinsamen Lebensraums aufeinandertreffen.
- Barkat Mehra-Underwood
Nach dem Tod ihres älteren Bruders verändert sich auch die Beziehung der Familie zu ihrem Zuhause. Garten, Teppiche, Fenster und Innenräume werden zu Trägern von Erinnerung.
„Underwood“ zeigt, wie sich Geschichte nicht nur in Archiven, sondern auch in Wohnräumen, Gegenständen und familiären Ritualen einschreibt.
Briar Pine: „Camouflaged“
Briar Pine untersucht, wie Männlichkeit geformt, dargestellt und performt wird.
Ausgangspunkt ist das Aufwachsen in einem konservativen Haushalt im amerikanischen Mittleren Westen. Jagd, Camouflage, Trophäen und familiäre Erinnerungsstücke werden mit Materialien der eigenen Transition kombiniert.
- Briar Pine-Flagging
Dabei kehrt Pine die ursprüngliche Funktion der Tarnung um. Camouflage dient nicht zwangsläufig dem Verschwinden, sondern kann auch zur Hyper-Sichtbarkeit werden.
Die Serie verbindet persönliche Transformation mit kulturell tradierten Vorstellungen weißer amerikanischer Männlichkeit und fragt, welche dieser Bilder sich auflösen, welche fortbestehen und welche neu zusammengesetzt werden.
Thomas Wrede: „WHITE WAS THE SNOW. 2018–2026“
Zu den unmittelbarsten Zeitdokumenten der Auswahl gehört Thomas Wredes Langzeitserie über schmelzende Alpengletscher.
Seit 2018 fotografiert er Eis, Schnee und jene Kunststoffvliese, mit denen Teile der Gletscher vor der Sonneneinstrahlung geschützt werden sollen.
- Thomas Wrede-Rhonegletscher IV
Am Rhonegletscher werden die Planen selbst zum Sinnbild eines aussichtslos wirkenden Versuchs, den Verlust des Eises aufzuhalten. Auf der Zugspitze dokumentiert Wrede schwarze Staubschichten, während Blutschnee und Saharastaub den Schmelzprozess zusätzlich beschleunigen.
Das Gletschereis wird in der Arbeit zum buchstäblichen Archiv. Jahrhundertealte Luftblasen speichern Klimageschichte – gleichzeitig verschwindet dieses Archiv vor den Augen der Kamera.
Jana Islinger: „Unter demselben Himmel“
Jana Islinger beschäftigt sich mit einer Grenze, die im Stadtbild kaum sichtbar und sozial dennoch wirksam ist.
Ihre Serie porträtiert junge Frauen in Duisburg, deren Lebensrealitäten durch die Trennung zwischen dem vergleichsweise privilegierten Süden und dem strukturell benachteiligten Norden der Stadt geprägt werden.
- Jana Islinger-Unter demselben Himmel
Diese Grenze erscheint nicht unmittelbar im Bild. Ihre Auswirkungen zeigen sich vielmehr in Zugängen, Erwartungen, Selbstbildern und Zukunftsperspektiven.
Hinzu kommt Islingers persönliche Verbindung zur Stadt: Ihre Mutter wuchs selbst in Duisburg auf und verließ die Stadt in jenem Alter, in dem sich heute die porträtierten Frauen befinden.
Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich dadurch mit der Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen über Generationen weitergegeben werden.
Jasmina Mirasevic: „Skin Deep“
Bei Jasmina Mirasevic wird der Körper selbst zum Archiv.
„Skin Deep“ zeigt Menschen vor und nach rekonstruktiven und plastischen Operationen. Narben, veränderte Haut und körperliche Transformationen werden dabei nicht lediglich als medizinische Befunde gezeigt.
- Jasmina Mirasevic-Skin Deep
Was zunächst ein chirurgischer Eingriff ist, wird Teil von Biografie und Identität.
Die Arbeit betrachtet den menschlichen Körper als lebendigen Speicher von Veränderung, Verletzlichkeit und Zeit – und damit als einen Ort, an dem Gegenwart unmittelbar zu Geschichte wird.
Zwölf Serien werden zu einer Bildfolge
Die Arbeiten werden am 19. September nicht als zwölf voneinander getrennte Präsentationen gezeigt.
Wolfgang Zurborn übernimmt die Sequenzierung der finalen Slideshow, die auf der großen LED-Wand im Ballroom von Fotografiska Berlin präsentiert und von Live-Musik begleitet wird.
Dadurch entsteht aus den ausgewählten Serien für einen Abend ein gemeinsames visuelles Zeitbild: Militarisierung trifft auf Klimawandel, Familienerinnerung auf Genderfragen, soziale Ungleichheit auf Körpertransformation, private Biografie auf politische Entwicklung.
Gerade diese Gleichzeitigkeit dürfte den Reiz der Präsentation ausmachen.
Photography Today — Tomorrow?
Der Photo Slam ist Teil des Abends „DGPh x Fotografiska“ am 19. September.
Ab 18.30 Uhr findet zunächst das Panel „Photography Today — Tomorrow?“ statt. Angekündigt sind unter anderem Claire Ducresson-Boët, Verena Brüning und Boris Eldagsen. Moderiert wird das Gespräch von Ruediger Glatz.
Anschließend folgt die Präsentation von „Tomorrow Will Be Yesterday“. Ab dem 20. September soll die Slideshow auch online verfügbar seiRüdiger Glatz: „Die zwölf ausgewählten Positionen ergeben bewusst kein geschlossenes Bild ihrer Zeit. Genau darin liegt vielleicht ihre Aussagekraft. Welche der heutigen Konflikte, Lebensformen und Veränderungen später tatsächlich als prägend gelten werden, lässt sich nicht vorhersagen. Fotografie kann jedoch Spuren davon bewahren, bevor aus Gegenwart Geschichte geworden ist. „Tomorrow Will Be Yesterday“ versucht deshalb nicht, die Zukunft zu zeigen. Die Auswahl richtet den Blick vielmehr darauf, woraus sie gerade entsteht.“
Foto oben: Nora Obergeschwandner-silent posture
DGPh x Fotografiska – Tomorrow Will Be Yesterday
19. September 2026
Fotografiska Berlin
Oranienburger Straße 54, 10117 Berlin
Einlass 18 Uhr, Programm ab 18.30 Uhr


























