Der britische Maler, Zeichner, Grafiker, Bühnenbildner und Fotograf David Hockney ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Bereits 1997 wurde er mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet – eine Ehrung, die verdeutlicht, welchen Stellenwert sein Werk weit über die Grenzen der Malerei hinaus auch für die Fotografie besitzt.
Obwohl Hockney nie als Fotograf im klassischen Sinne galt, hat kaum ein anderer Künstler die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums so grundlegend hinterfragt. Seine Auseinandersetzung mit Fotografie war geprägt von Neugier, Skepsis und dem Wunsch, neue Formen des Sehens zu entwickeln.
Kritik am „einäugigen Blick“
Hockney stand der traditionellen Fotografie lange kritisch gegenüber. Die Vorstellung, die Welt aus einem einzigen, starren Blickwinkel abzubilden, erschien ihm als unzureichende Annäherung an die menschliche Wahrnehmung.
Berühmt wurde seine Beschreibung der Kamera als Blick eines „gelähmten Zyklopen“ – eines einzelnen Auges, das einen winzigen Moment der Realität einfriert, während menschliches Sehen tatsächlich durch Bewegung, Erinnerung und wechselnde Perspektiven geprägt ist.
Diese Überzeugung führte ihn Anfang der 1980er Jahre zu einem fotografischen Experiment, das bis heute zu den wichtigsten Beiträgen eines bildenden Künstlers zur Geschichte der Fotografie zählt.
Zeichnen mit der Kamera
1982 entwickelte Hockney seine berühmten fotografischen Collagen, die später als „Joiners“ bekannt wurden. Ausgangspunkt war eine Ausstellung seiner privaten Fotografien im Centre Pompidou in Paris. Angeregt durch den Kurator Alain Sayag begann Hockney zunächst mit Polaroid-Aufnahmen zu experimentieren. Aus zahlreichen Einzelbildern setzte er komplexe Bildräume zusammen, die unterschiedliche Blickwinkel, Zeitmomente und Perspektiven gleichzeitig sichtbar machten.
Die Arbeiten standen in direkter Verbindung zu seinem Interesse am Kubismus und an Pablo Picasso. Während klassische Fotografien einen einzigen Augenblick festhalten, versuchten Hockneys Collagen die Erfahrung des tatsächlichen Sehens abzubilden – ein Sehen, das sich aus Bewegung, Erinnerung und zeitlicher Abfolge zusammensetzt.
Seine erste Ausstellung dieser Arbeiten trug den programmatischen Titel „Drawing with a Camera“. Für Hockney war die Kamera nicht länger ein bloßes Aufzeichnungsinstrument, sondern ein kreatives Werkzeug, vergleichbar mit Stift oder Pinsel. Die Fotografie verstand er als Medium, das weit mehr leisten könne als die reine Dokumentation der Wirklichkeit.
Die Erfindung neuer Bildräume
Innerhalb weniger Monate entstanden rund 150 fotografische Collagen. Später ersetzte Hockney die Polaroidkamera durch eine Pentax 110 und entwickelte die Methode weiter. Besonders seine Arbeiten zum Grand Canyon gelten als Meilensteine dieser Phase.
Dabei ging es ihm nicht darum, eine Landschaft möglichst exakt abzubilden. Vielmehr wollte er das Gefühl vermitteln, tatsächlich vor dieser gewaltigen Naturkulisse zu stehen. Erinnerung wurde dabei zu einem integralen Bestandteil des fotografischen Prozesses. „Memory became part of the process“, beschrieb Hockney rückblickend seine Arbeitsweise.
Die fotografischen Collagen machten deutlich, dass Fotografie nicht zwangsläufig an die traditionelle Zentralperspektive gebunden sein muss. Sie öffneten den Weg für ein erweitertes Verständnis des Mediums und beeinflussten Generationen von Fotografen und Medienkünstlern.
Fotografische Visionen jenseits der Kamera
Hockneys Interesse an neuen Bildtechnologien blieb bis ins hohe Alter ungebrochen. Ob Faxzeichnungen, digitale Arbeiten auf dem iPhone und iPad oder immersive Bildwelten – stets verstand er technische Innovationen als kreative Werkzeuge und nicht als Selbstzweck.
Sein Werk zeigt, dass die entscheidende Frage nicht lautet, mit welchem Medium ein Bild entsteht, sondern welche Vorstellung von Wirklichkeit ihm zugrunde liegt.
Kulturpreisträger der DGPh
Als die Deutsche Gesellschaft für Photographie David Hockney 1987 mit ihrem Kulturpreis auszeichnete, würdigte sie damit einen Künstler, der den fotografischen Blick nachhaltig erweitert hatte. Seine Arbeiten machten sichtbar, dass Fotografie mehr sein kann als die Aufzeichnung eines Augenblicks – nämlich ein Mittel, Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung in einem Bildraum zusammenzuführen.
Gerade in einer Zeit, in der digitale Bildwelten und Künstliche Intelligenz traditionelle Vorstellungen von Fotografie erneut herausfordern, erscheint Hockneys Werk erstaunlich aktuell. Sein lebenslanges Interesse galt nicht der Technik selbst, sondern der Frage, wie Bilder unsere Wahrnehmung der Welt formen.
Mit David Hockney verliert die Kunstwelt einen der großen Erneuerer des Sehens. Seine Arbeiten werden weit über die Malerei hinaus als Inspiration für Fotografen, Künstler und Bilddenker fortwirken.











