Mit Duane Michals verliert die Fotografie eine ihrer eigenständigsten, poetischsten und einflussreichsten Stimmen. Der amerikanische Fotograf, der am 18. Februar 1932 in McKeesport, Pennsylvania, geboren wurde, prägte über mehr als sechs Jahrzehnte die internationale Fotografie und erweiterte die Möglichkeiten des Mediums weit über dessen dokumentarische Funktion hinaus. Sein Werk stellte nie die Frage, wie die Welt aussieht – sondern was sich hinter den sichtbaren Dingen verbirgt.
Während viele seiner Zeitgenossen die Fotografie als Instrument der Beobachtung oder Dokumentation verstanden, nutzte Michals sie als Medium des Denkens, Erzählens und Zweifelns. Bereits in den 1960er Jahren entwickelte er jene fotografischen Bildsequenzen, die zu seinem Markenzeichen werden sollten. In diesen sorgfältig inszenierten Serien erzählte er von Liebe und Verlust, Erinnerung und Vergänglichkeit, Identität und Spiritualität. Seine Fotografien wurden zu visuellen Essays, die den Betrachter nicht mit Antworten versorgten, sondern zum Nachdenken anregten.
Besonders innovativ war die Verbindung von Bild und Sprache. Michals ergänzte viele seiner Arbeiten um handschriftliche Texte, Notizen und Gedankenfragmente. Damit schuf er eine bis dahin kaum bekannte Form fotografischer Narration, die Literatur, Philosophie und Bildkunst miteinander verband. Seine Arbeiten entzogen sich konsequent den Kategorien von Reportage, Dokumentation oder klassischer Kunstfotografie. Stattdessen entwickelte er eine ganz eigene Bildsprache, die bis heute unverwechselbar geblieben ist.
Der weitgehend autodidaktische Fotograf entdeckte seine Leidenschaft für das Medium während einer Reise in die damalige Sowjetunion Ende der 1950er Jahre. Nach ersten Ausstellungen in New York etablierte er sich rasch als einer der innovativsten Fotografen seiner Generation. Internationale Bekanntheit erlangte er nicht nur durch seine konzeptuellen Arbeiten, sondern auch durch seine außergewöhnlichen Porträts. Anders als viele seiner Kollegen fotografierte Michals Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle bevorzugt in deren persönlichem Umfeld und schuf dabei eindringliche Bildnisse von Persönlichkeiten wie René Magritte, Marcel Duchamp, Andy Warhol, Joseph Cornell oder Albert Einstein.
- Duane Michals, aus der Serie Dr.Heisenberg
Michals stellte die vermeintliche Objektivität der Fotografie grundsätzlich infrage. Für ihn war das fotografische Bild niemals ein Beweis, sondern immer eine Interpretation. Seine Arbeiten machten deutlich, dass Fotografie nicht nur dokumentieren, sondern auch träumen, erinnern, fantasieren und philosophieren kann. Damit wurde er zu einem Wegbereiter der konzeptuellen Fotografie und beeinflusste zahlreiche Künstlergenerationen weltweit.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Photographie würdigte sein außergewöhnliches Lebenswerk. Im Jahr 2017 wurde Duane Michals mit dem Kulturpreis der DGPh ausgezeichnet – einer der bedeutendsten Ehrungen der internationalen Fotografieszene. Die DGPh würdigte damit einen Künstler, der die Fotografie um neue erzählerische, philosophische und poetische Dimensionen erweitert und das Medium nachhaltig geprägt hat.
- Duane Michals, MADAME SCHROEDINGERS CAT
Mit Duane Michals verliert die Fotografie nicht nur einen großen Künstler, sondern einen ihrer wichtigsten Erzähler und Erneuerer. Sein Werk hat Generationen von Fotografen beeinflusst und gezeigt, dass Bilder weit mehr sein können als Dokumente eines Augenblicks. Sie können Fragen stellen, Erinnerungen bewahren und das Unsichtbare sichtbar machen.
Foto oben: Duane Michals, fotografiert von Rüdiger Glatz anlässlich der DGPH Kulturpreisverleihung 2017


















