Jean-François Leroy, Gründer und langjähriger Direktor des Internationalen Festivals für Fotojournalismus Visa pour l’Image in Perpignan, ist am Morgen des 31. August 2026 im Alter von 69 Jahren gestorben. Mit ihm verliert der internationale Fotojournalismus einen seiner leidenschaftlichsten und streitbarsten Fürsprecher.
Die Nachricht erreicht die Fotowelt zu einem Zeitpunkt, der kaum symbolischer sein könnte: Während in Perpignan die 38. Ausgabe von Visa pour l’Image läuft und am 31. August die internationale Pro Week beginnt, ist Jean-François Leroy in Paris an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Nach Angaben des Festivalteams war er von seiner Familie umgeben. Wegen seiner Erkrankung hatte er erstmals seit Gründung des Festivals nicht an dessen Eröffnung teilnehmen können. An der Vorbereitung der diesjährigen Ausgabe hatte er dennoch bis zuletzt mitgewirkt.
Visa pour l’Image
1989 gründete Leroy Visa pour l’Image und entwickelte das Festival über fast vier Jahrzehnte zu einem der wichtigsten internationalen Treffpunkte des Fotojournalismus. Gemeinsam mit Wegbegleitern wie Roger Thérond, dem damaligen Chef von Paris Match, entstand in Perpignan ein Format, das Ausstellungen, abendliche Projektionen, Begegnungen mit Fotografen, Portfolioarbeit sowie Preise und Förderprogramme miteinander verband.
Inzwischen präsentiert Visa pour l’Image jährlich mehr als 25 Ausstellungen, Arbeiten aus über 40 Ländern und mehr als 100 Fotoessays. Rund 1.000 internationale Professionals aus Fotografie, Redaktionen, Agenturen und Verlagen werden jedes Jahr akkreditiert; insgesamt verzeichnet das Festival nach eigenen Angaben mehr als 220.000 Besuche.
Doch Zahlen beschreiben nur einen Teil dessen, was Leroy geschaffen hat. Perpignan wurde durch ihn zu einem Ort, an dem sich Generationen von Fotojournalisten begegneten – etablierte Reporter ebenso wie junge Fotografen, die dort erstmals ihre Arbeiten internationalen Bildredakteuren, Agenturen und Kollegen zeigen konnten.
Anwalt des Fotojournalismus
Leroy selbst hatte zunächst als Fotograf gearbeitet, entschied jedoch früh, seine Energie stärker der Arbeit anderer zu widmen. Nach Stationen unter anderem als Agent von Dominique Issermann und als Chefredakteur von Photo Magazine machte er die Verteidigung des Fotojournalismus zu seiner Lebensaufgabe.
Dabei war er selten diplomatisch. Leroy konnte provozieren, widersprechen und sich öffentlich über Entwicklungen empören, die er für falsch hielt. Gerade in einer Zeit, in der klassische Bildredaktionen schrumpften, Fotoagenturen verschwanden und die Finanzierung langfristiger Reportagen immer schwieriger wurde, blieb Visa pour l’Image für ihn ein Ort, an dem die fotografische Zeugenschaft selbst im Zentrum stehen sollte.
Das Festival reagierte zugleich auf die wirtschaftliche Krise des Berufs. Über Preise und Förderungen flossen jährlich erhebliche Mittel direkt an Fotojournalisten. Leroy verstand Perpignan deshalb nie allein als Schaufenster bereits erfolgreicher Arbeiten, sondern ebenso als Infrastruktur für deren Entstehung und Fortführung.
Bilder als Zeugenschaft
Sein Verständnis von Fotografie war eindeutig. Bilder sollten nicht primär dekorieren, sondern Zeugnis ablegen. Kriege, Flucht, politische Gewalt, soziale Konflikte, Epidemien und gesellschaftliche Umbrüche standen deshalb immer wieder im Mittelpunkt der Festivalprogramme.
Damit vertrat Leroy eine Vorstellung von Fotojournalismus, die angesichts sozialer Netzwerke, Smartphone-Bilder und generativer KI zunehmend unter Druck geriet. Er hielt dennoch an der Notwendigkeit professioneller journalistischer Bilder fest.
Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund sein letztes Editorial für die Ausgabe 2026. Darin beschäftigte er sich ausdrücklich mit KI-generierten Falschbildern und sah in der technologischen Entwicklung paradoxerweise auch eine Chance für den Journalismus: Gerade weil zuverlässige, aktuelle und überprüfte Informationen an Bedeutung gewinnen, werde professionelle journalistische Arbeit wichtiger. Sein Text endete mit einem Bekenntnis zu Freiheit und Journalismus.
Ein Festival mit Haltung
Visa pour l’Image war deshalb immer auch Jean-François Leroy selbst: direkt, meinungsstark und mit klaren Vorstellungen davon, was Fotojournalismus leisten sollte. Nicht jede seiner Positionen blieb unwidersprochen. Doch gerade seine Bereitschaft, Konflikte auszutragen, machte ihn zu einer prägenden Figur einer Branche, deren wirtschaftliche und mediale Grundlagen sich während seiner Amtszeit radikal veränderten.
Dass Visa pour l’Image diese Veränderungen überstanden hat und bis heute Fotografen, Agenturen, Redaktionen, Verlage und ein großes Publikum nach Perpignan bringt, ist wesentlich sein Verdienst.
Das Festival hat angekündigt, seine Arbeit fortzusetzen. Generaldirektorin Delphine Lelu bezeichnete Leroy nach seinem Tod als die Seele von Visa pour l’Image und kündigte an, Perpignan auch künftig als internationalen Leuchtturm für Fotojournalisten weiterzuführen.
Jean-François Leroy hinterlässt damit weit mehr als ein Festival. Er hinterlässt einen Ort und eine Haltung: die Überzeugung, dass es weiterhin Menschen braucht, die hinausgehen, genau hinsehen und mit ihren Bildern davon berichten, was in der Welt geschieht.















