Dass manche Bilder oft weniger mit Realität als mit Erwartungsmanagement zu tun haben, ist kein Geheimnis. Neu ist eher, dass es inzwischen Checklisten gibt, die uns erklären, wie man es besser macht – wie jene der TU Darmstadt zur geschlechter- und diversitätssensiblen Bildsprache.
Es ist ein vertrautes Ritual geworden: Man braucht ein Bild, das „Diversität zeigt“. Also sucht man – und findet zuverlässig eine Gruppe junger Menschen, sorgfältig gemischt nach Geschlecht, Hautfarbe und Frisur, alle lächeln, alle sind irgendwie gleich engagiert. Fertig ist das gute Gewissen.
Richtig ist: Bilder prägen Wahrnehmung, verstärken Stereotype oder können sie aufbrechen. Wer wollte das bestreiten? Nur bleibt ein leiser Zweifel: Lässt sich das Problem wirklich lösen, indem man es formalisiert?
Denn was in der Praxis oft passiert, ist etwas anderes. Die Checkliste wird nicht zum Werkzeug der Reflexion, sondern zur Anleitung für bessere Symbolbilder. Man prüft, ob „alle vertreten“ sind, ob niemand „am Rand steht“, ob die Komposition „ausgewogen“ wirkt – und produziert am Ende genau jene glatten, austauschbaren Bilder, die vor allem eines vermeiden: Reibung.
Diversität wird dann nicht sichtbar, sondern verwaltet.
Besonders heikel ist der Moment, in dem Repräsentation zur Pflichtübung wird. Wenn jede Bildauswahl implizit die Frage beantworten soll: „Haben wir auch wirklich niemanden vergessen?“ Dann wird Vielfalt zur Checkliste – und Menschen zu Platzhaltern.
Das Ergebnis kennt man: Eine visuelle Sprache, die niemanden ausschließt – und gleichzeitig kaum noch etwas erzählt. Dabei liegt die eigentliche Herausforderung woanders. Nicht in der perfekten Verteilung von Sichtbarkeit, sondern in der Frage, wer überhaupt gezeigt wird – und warum. Wer darf sprechen, wer wird als Experte inszeniert, wer bleibt Hintergrund?
Die Checkliste stellt diese Fragen durchaus. Aber sie kann nicht verhindern, dass sie im Alltag zu schnell beantwortet werden. Und vielleicht ist das der blinde Fleck: Dass man strukturelle Ungleichheiten nicht einfach „wegillustrieren“ kann.
Ein divers besetztes Gruppenfoto ersetzt keine diverse Institution. Ein ausgewogen komponiertes Bild korrigiert keine realen Machtverhältnisse. Und eine sensible Bildsprache bleibt Oberfläche, wenn sich dahinter nichts verändert. Das heißt nicht, dass solche Leitfäden überflüssig sind. Im Gegenteil. Sie sind notwendig – gerade weil Bilder wirken.
Aber sie sind eben nur ein Anfang. Oder, weniger freundlich formuliert: ein Symptom dafür, wie sehr wir hoffen, komplexe Probleme gestalterisch lösen zu können. Wer sich darauf einlässt, sollte deshalb vielleicht nicht nur fragen: „Ist dieses Bild divers genug?“ Sondern auch: „Warum brauchen wir dieses Bild überhaupt – und was verdeckt es möglicherweise?“
Mehr dazu – und erfreulich reflektierter, als dieser Kommentar es sein kann – bei der TU Darmstadt:
(Autor: Thomas Gerwers, Illustration: KI-generiert)











