Mit der Ausstellung Corbijn, Anton widmet Fotografiska Berlin einem der prägenden visuellen Erzähler unserer Zeit eine umfassende Retrospektive. Vom 9. Mai bis zum 20. September 2026 werden rund 150 Arbeiten gezeigt, die ein halbes Jahrhundert fotografischer Praxis umspannen und zugleich einen tiefen Einblick in die Entwicklung einer unverwechselbaren Bildsprache geben.
- U2, Èze, 2000 © Anton Corbijn
- Tom Waits_New York_26.04.1985_©Anton Corbijn
- Slash, Santa Fe, 1992 © Anton Corbijn
Anton Corbijn gehört zu jenen Fotografen, die nicht nur Bilder produzieren, sondern visuelle Identitäten schaffen. Seine Karriere begann in den späten 1970er Jahren, als er – getrieben von seiner Begeisterung für Musik – begann, Bands zu fotografieren. Der Umzug nach London markierte einen Wendepunkt: Inmitten der aufgeladenen Atmosphäre der damaligen Musikszene entstanden erste Arbeiten, die bereits jene rohe, unmittelbare Ästhetik erkennen lassen, die später zu seinem Markenzeichen wurde.
Im Zentrum von Corbijns Werk steht nicht die bloße Dokumentation von Künstlern, sondern der Aufbau langfristiger Beziehungen. Seine Kamera fungiert dabei als Vermittlerin – als Werkzeug, das Nähe ermöglicht und Vertrauen schafft. Viele seiner bekanntesten Arbeiten sind das Ergebnis jahrzehntelanger Zusammenarbeit, etwa mit Bands wie U2 oder Depeche Mode, deren visuelle Identität er maßgeblich geprägt hat.
- Patti_Smith_Paris_2011_©Anton Corbijn
- Nina Hagen & Ari Up, Malibu, 1980 ©Anton Corbijn
- Nick Cave, London, 1996 © Anton Corbijn
Diese Kontinuität unterscheidet Corbijn von vielen seiner Zeitgenossen. Seine Bilder entstehen nicht im schnellen Zugriff, sondern aus einem Prozess des Kennenlernens und Verstehens. Das Ergebnis sind Porträts, die weniger Oberfläche zeigen als vielmehr eine Verdichtung von Persönlichkeit, Atmosphäre und Zeitgeist.
Formal zeichnet sich Corbijns Arbeit durch eine konsequente Reduktion aus. Sein bevorzugtes Medium ist das körnige Schwarz-Weiß, das den Bildern eine zeitlose, fast archaische Qualität verleiht. Licht, Schatten und Komposition werden auf das Wesentliche konzentriert – jedes Detail scheint bewusst gesetzt, ohne je ins Kalkulierte zu kippen.
Diese visuelle Sprache ist eng mit seinem Selbstverständnis als Fotograf verbunden. Corbijn beschreibt seinen Stil nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Notwendigkeit – als Ausdruck dessen, wie er die Welt sieht und nicht anders darstellen kann.
Corbijns Werk lässt sich nicht auf ein Medium reduzieren. Neben der Fotografie umfasst es Musikvideos, Filme und grafische Arbeiten. Gerade die Verbindung dieser Bereiche macht seine Arbeit so einflussreich: Bilder, die für Albumcover oder Magazine entstanden, stehen in engem Dialog mit filmischen und musikalischen Ausdrucksformen.
- Einstürzende Neubauten, Berlin, 1985 © Anton Corbijn
- Herbert Grönemeyer, London, 1998 © Anton Corbijn
- Courtney Love, Orlando, 1995 © Anton Corbijn
Mit über 80 Musikvideos für internationale Künstler hat Corbijn die visuelle Kultur der Popmusik nachhaltig geprägt. Seine späteren Spielfilme – darunter Control oder A Most Wanted Man – zeigen, wie konsequent er seine ästhetischen Prinzipien in andere Medien überträgt.
Die Berliner Ausstellung versteht sich nicht nur als klassische Retrospektive, sondern auch als persönliche Auswahl des Künstlers. Neben ikonischen Porträts sind Arbeiten zu sehen, die bislang selten oder gar nicht öffentlich gezeigt wurden. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild eines Œuvres, das weit mehr umfasst als die bekannten Motive.
Die kuratorische Zusammenarbeit mit Corbijn selbst ermöglicht einen Blick hinter die Oberfläche: Welche Bilder sind für ihn selbst von Bedeutung? Welche Momente markieren Wendepunkte? Und wie hat sich seine Wahrnehmung im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Corbijns Arbeiten haben sich tief in das kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben. Sie prägen, wie wir Musiker, Künstler und kulturelle Ikonen wahrnehmen. Dabei geht es nicht nur um Wiedererkennbarkeit, sondern um eine spezifische Form der Verdichtung: Seine Bilder reduzieren komplexe Persönlichkeiten auf eine visuelle Essenz, ohne sie zu vereinfachen.
Gerade in dieser Fähigkeit liegt die nachhaltige Wirkung seines Werks. Es verbindet Intimität mit ikonischer Kraft, Nähe mit Distanz – und schafft Bilder, die über den Moment hinaus Bestand haben.




















