Für Kinofilme werden im Vorfeld eines Drehs sogenannte „location scouts“ losgeschickt, um nach besonderen Orten zu suchen, die für bestimmte Szenen geeignet sind. Im fertigen Film liegt das Hauptaugenmerk unserer Wahrnehmung schließlich weniger auf den Bühnenräumen, als vielmehr auf den SchauspielerInnen und der Darstellung ihrer Rollen sowie auf der Komplexität des Filmgeschehens insgesamt. Im Medium Fotografie nehmen wir in den meisten Fällen einen Raum im Bild ebenfalls kaum wahr, es sei denn, er wird von den FotografInnen selbst zum Hauptmotiv erklärt.
Nach der umfassenden Ausstellung „Body Performance“, die 2019 in der Helmut Newton Foundation zu sehen war, findet vom 5. Juni – 15. November 2026 die daran anknüpfende Gruppenausstellung „Rooms / Stages“ statt. Die ausgewählten Werke verschieben den Kontext und den Blick vom performativen Akt auf den Raum respektive Bühnenraum selbst.
Die Künstler und Künstlerinnen der Gruppenausstellung werden mit jeweils einer Werkgruppe vorgestellt, die ihr Schaffen repräsentiert. Neben gerahmten Fotografien werden einige Raumkompartimente durch Wandtapeten mit großformatigen Bildmotiven visuell pointiert. Es beginnt im ersten Ausstellungsraum mit menschenleeren Innenräumen: Anna Lehmann Brauns fotografierte 2016 in Gay-Clubs in San Franzisko, nachdem die Besucher die Räume verlassen hatten. Wir meinen, in den nunmehr leeren Räumen weiterhin deren Anwesenheit zu spüren. Derartige Bars werden in der Szene auch als „safe places“ angesehen. Gleichzeitig ahnen wir mit Blick auf Lehmann Brauns Aufnahmen die sinnliche Lebensfreude solcher Orte während der Öffnungszeiten.
- Viktoria Binschtok, World of Details, diner seat, 2012 © Viktoria Binschtok, KLEMM´S Berlin
- Anna Lehmann-Brauns, The Stud Club, San Francisco 2016 © the Artist
- Helmut Newton, Yves Saint Laurent, Paris 1993 © Helmut Newton Foundation
Auf der nächstgelegenen 11m langen Wand ist eine Schwarz-Weiß-Sequenz von Gregor Schneider ausgebreitet, die kaum einen größeren Kontrast bilden könnte. Seit vielen Jahren baut der Künstler sein Elternhaus in Mönchengladbach-Rheydt immer wieder um. Konsequenter und radikaler kann man die Transformation einer vorgefundenen räumlichen Situation kaum denken. Sie brachte ihm vor einigen Jahren den goldenen Löwen auf der Venedig Biennale ein, als er sein „Haus u r“ in den deutschen Pavillon hineinbaute.
- Robert Polidori, Chambre de Marie-Louise Bonaparte, Chateau de Versailles, 2008, © the artist,Courtesy Camera Work
- Götz Diergarten, o.T.1 (Berlin-Alexanderplatz), 2008, Diptychon, (rechter Teil) © the Artist
- Helmut Newton, Absolut Vodka, Sweden 1995
Ricarda Roggan arrangierte 2001/02 – noch während ihres Studiums bei Timm Rautert in Leipzig – eine vergleichbar klaustrophobische Situation in ihrem fensterlosen Studio in der Kunsthochschule. Dort fotografierte sie mehrere alltäglich anmutende Möbelkonstellationen, die sie an anderen Orten vorfand und anschließend in der gleichen Anordnung in ihr eigenes Studio übertrug. Der Raum verändert sich von Bild zu Bild, und so entwickelt sich eine ungewöhnliche Alltagspoesie auf einem reduzierten Bühnenbild.
Georges Rousse verändert in seiner Kunst vorgefundene Räume auf völlig andere Weise. Seine Interventionen sind zeichnerisch-malerisch. Man erkennt die von ihm gesetzten geometrischen Formen und Farbflächen an unterschiedlichen Orten eines leeren Raumes nur von einem idealen Standpunkt der Betrachtung aus. Diese ziehen sich mittels der Kameralinse illusionistisch wiederum zu der gewünschten Fläche zusammen. Ein solch kreativer Umgang mit dem leeren Raum ist selten in der zeitgenössischen Fotografie.
Der Parcours setzt sich im zweiten Ausstellungsraum mit den Fotografien von Jana Sophia Nolle fort. Sie verbindet in ihrer Serie „Living Room“, die 2017 in San Francisco begann, zwei völlig unterschiedliche gesellschaftliche Schichten. Zunächst geschockt von der tiefen Kluft zwischen arm und reich, studierte sie die Behausungen der zahlreichen Obdachlosen dieser Stadt, baute sie nach – und in verschiedene bürgerliche Wohnungen hinein. Dann fotografierte sie diese Konfrontation der beiden Welten. Ihre verstörende, gesellschaftspolitische Versuchsreihe setzte sie später auch in Berlin fort.
Die Verbindung von Prekärem und Luxuriösem in der Interieur-Fotografie finden wir auch im Werk von Robert Polidori. Für „Rooms / Stages“ wurden seine großformatigen Innenansichten aus Versailles ausgewählt. Im ehemaligen Schloss wird die repräsentative Pracht inzwischen schlicht musealisiert, und auch durch Polidoris Aufnahmen wird der bühnenartige Raum zeitlos konserviert. Eine Fotografie zeigt das leere blaue Bett von Napoleons Frau Marie-Louise Bonaparte im Chateau de Versailles im Anschnitt; es erinnert an ähnliche Fotografien von Helmut Newton aus anderen französischen Chateaus oder der Villa d’Este.
Friederike von Rauch hat eine vollkommen autonome fotografische Sprache gefunden, mit der sie Oberflächen, Materialstrukturen und andere Bilddetails in ihren Interieurs präzise herausarbeitet. Auch sie verwandelt die leeren Räume in Museen, Kirchen, Palästen oder Krematorien zu Bühnen. Das Sakrale wird in ihrer Fotografie meist säkularisiert, andere nicht-religiöse Kulturorte gleichsam in spirituelle Orte verwandelt. So wagen wir uns mit der Künstlerin in Räume vor, die wir so noch nie gesehen haben. Es ist, als würde sie für uns einen Vorhang zur Seite schieben.
Vergleichbares gilt für Götz Diergarten und seine Fotografien von leeren U-Bahn-Gängen in Berlin und London, die wir so menschenleer kaum kennen. Er zeigt diese unwirtlichen und zugleich perfekt gestalteten Orte in seiner Bildserie „METROpolis“ mit minimalistischer Poesie. Mal verwandelt er die gewählten Situationen in flächige Bilder, transformiert also bewusst das Räumlich-Dreidimensionale in eine illusionäre Zweidimensionalität, mal zeigt er die geschwungenen Treppen und tunnelartigen Gänge in ihrer kompletten Raumtiefe.
Im dritten Raum sind schließlich unterschiedlichste Bühnenbilder vereint; zuerst blicken wir auf eine Wandtapete mit einer abstrahierten Theaterbühne. Karen Stuke lässt in ihren Opernbildern die SängerInnen, TänzerInnen und SchauspielerInnen über eine Langzeitaufnahme wieder daraus verschwinden. Sie fotografiert von einem leicht erhöhten Blickwinkel die komplette Bühnensituation in einer einzigen Aufnahme, teilweise in stundenlanger Belichtung; wir sehen das Bühnengeschehen gewissermaßen komplett in einer zeitlich-visuellen Verdichtung, allerdings kaum Details des Bühnenbildes.
Viktoria Binschtoks Werkgruppe „World of Details“ ist eine medienreflexive Untersuchung. Am Anfang ihrer Arbeit stand die Aneignung von Bildern aus New York, die sie auf Google Street Views recherchierte. Ihr Vorhaben entspricht dabei einer doppelten Suche: der nach einem geeigneten Vorbild und der nach dem anschließend vor Ort zu realisierenden Nachbild. Die Künstlerin verbindet die urbane Bühne mit den zahlreichen Passanten, die von den fahrenden Google-Kameras überrascht wurden, mit eigenen, analogen Aufnahmen desselben Ortes zu Diptychen, mitunter als Gegenüberstellung von Außen- und Innenraum.
Julia Peirone interessiert sich hingegen für einzelne Personen im Innenraum, die auf einer neutralen Bühne agieren. Die jungen Frauen tanzen allein und selbstvergessen; dabei passiert das eine oder andere Missgeschick, wie wir in stillen und bewegten Bildern sehen können. Denn Peirones Ausstellungsbeitrag besteht aus großformatigen Fotografien und einer begleitenden Videoarbeit. Die Künstlerin beschäftigt sich in ihrem Werk inhaltlich mit Fragen nach Scham und Verletzlichkeit, Schönheitsidealen und Identität – und zwar im Leben heranwachsender Frauen, in einer Zeit, die in großem Maße von den Sozialen Medien geprägt ist.
Paolo Ventura, ein Universalkünstler und Geschichtenerzähler, zeigt zwei poetische Bildserien und eine reale Bühnenkulisse im oberen Foyer des Museums. In dieser können die BesucherInnen, wie die Figur in seiner neuen vierteiligen Sequenz, hinter einer zweiten Wand verschwinden. Diese Arbeit ist gleichzeitig eine Hommage an Helmut Newton und die Geschichte seiner Flucht aus Berlin im Dezember 1938 vor der konkreten Bedrohung durch die Nationalsozialisten. Ventura schlüpft hier als alter ego in Newtons Rolle, auf die Kulisse malte er das ehemalige Militärkasino, wo Newtons Exil begann und in dem seit 2004 die Helmut Newton Foundation residiert.
Auch Helmut Newton hat die verschiedensten Orte, die er fotografierte, in Bühnen verwandelt, wie im zweiten Ausstellungsteil zu sehen ist. Dazu gehören luxuriöse Hotelzimmer und -lobbys auf seinen Modefotografien der 1960er, 70er- und 80er-Jahre, aber auch die schroffen Außenraum-Situationen in Monte Carlo oder gar seine dortige Garage, wo er in den 1990er-Jahren exklusive Modeentwürfe fotografierte und überraschend kontrastierte. Newton arbeitete wie ein Filmregisseur und Set-Designer in Personalunion auf den von ihm geschaffenen Bühnen. In der aktuellen Ausstellung werden exemplarisch Newtons modebasierte Interieurs sowie einige seiner Bühnenfotografien gezeigt. Diese entstanden beispielsweise in den 1980er-Jahren in Wuppertal bei Pina Bausch oder für die Programmhefte des Balletts von Monte Carlo. All das begegnet uns hier motivisch in Form riesiger Wandtapeten. Ergänzt werden sie von mehr als 100 Original-Polaroids in zwei Vitrinen in der Raummitte, die wiederum andere Bild- und Bühnenräume thematisieren – ein radikaler formaler und medialer Kontrast, vom kleinen, inzwischen wertvollen Original zur übergroßen Reproduktion. Schließlich wird der Ausstellungsraum durch die übergroßen Wandbilder selbst zu einer Art Bühne.
von: Matthias Harder
Foto oben: Julia Peirone, Ocean Dream, 2017 © Julia Peirone and Dorothée Nilsson Gallery
https://helmut-newton-foundation.org/


















