Der Schweizer Fotograf René Groebli ist am 5. Mai 2026 im Alter von 98 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Fotografie eine der eigenständigsten Stimmen der europäischen Nachkriegszeit – einen Autor, dessen Werk weniger durch Umfang als durch Präzision, Konsequenz und nachhaltige Wirkung geprägt ist.

René Groebli, Sitzender Akt, 1952, aus Das Auge der Liebe, Courtesy Bildhalle Zürich
Geboren 1927 in Zürich, wuchs Groebli in einem fotografischen Umfeld auf. Beide Eltern waren Fotografen, der Vater zeitweise Assistent von Albert Renger-Patzsch und in Verbindung mit August Sander. Diese Nähe zur klassischen Fotografie bildete den Ausgangspunkt für ein Werk, das sich früh von Konventionen löste.
Nach seiner Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule entwickelte Groebli eine Bildsprache, die sich bewusst zwischen angewandter Fotografie und künstlerischem Ausdruck bewegte. Er suchte nicht die große Reportage, sondern den subjektiven Blick, das unmittelbare Bild, den Moment.
Seinen internationalen Durchbruch erzielte Groebli 1954 mit dem Fotobuch „Das Auge der Liebe“. Die während seiner Hochzeitsreise entstandenen Bilder seiner Frau Rita zählen heute zu den frühesten Beispielen einer persönlichen, autorenzentrierten Fotografie.
In einer Zeit, die stark von dokumentarischen und formal geprägten Ansätzen bestimmt war, setzte Groebli auf Nähe und Subjektivität. Seine Bilder sind keine distanzierten Porträts, sondern visuelle Annäherungen – poetisch, direkt und von großer emotionaler Dichte.

René Groebli, Silhouette, 1952
Ein zweiter zentraler Werkkomplex entstand mit der Serie „Magie der Schiene“ (1955). Hier wandte sich Groebli der Dynamik von Zügen und Geschwindigkeit zu. Mit gezielt eingesetzter Unschärfe, Lichtspuren und ungewöhnlichen Perspektiven gelang es ihm, Bewegung fotografisch erfahrbar zu machen.
Diese Arbeiten stehen exemplarisch für seinen experimentellen Zugang zur Fotografie. Sie zeigen einen Fotografen, der technische Möglichkeiten nicht nur nutzt, sondern aktiv erweitert.
Neben seinen freien Projekten arbeitete Groebli in der Industrie- und Werbefotografie, unter anderem für die Schweizer Chemiekonzerne Geigy und Ciba. Auch hier blieb er seiner präzisen und zugleich experimentellen Bildsprache treu.
Diese Verbindung von angewandter und freier Fotografie war für Groebli kein Widerspruch, sondern Teil eines umfassenden Verständnisses des Mediums.
René Groebli war nie ein Fotograf der großen Mengen. Sein Werk ist konzentriert, seine Bildserien sind klar umrissen. Gerade diese Reduktion verleiht seinen Arbeiten ihre nachhaltige Wirkung.
Viele seiner Bilder wurden erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung in ihrem ganzen Umfang gewürdigt. Heute gilt Groebli als wichtiger Vertreter einer subjektiven, modernen Fotografie, die sich nicht eindeutig in Kategorien wie Reportage oder Kunst einordnen lässt.
René Groebli hat die Fotografie nicht laut geprägt, sondern leise – durch eine konsequente, persönliche Bildsprache, die bis heute nachwirkt. Seine Arbeiten zeigen, dass Fotografie mehr sein kann als Dokumentation: ein Medium der Annäherung, der Bewegung und der Intimität.











