Mit James Nachtwey, Bruce Gilden und Anton Corbijn versammelte Fotografiska Berlin innerhalb weniger Wochen gleich drei der international bedeutendsten fotografischen Positionen der Gegenwart in Berlin — und machte sie nicht nur sichtbar, sondern persönlich erlebbar. Talks, Eröffnungen, Begegnungen, öffentliche Präsenz: Fotografiska gelang damit etwas, das derzeit keine andere Fotoinstitution in Deutschland in vergleichbarer Konsequenz schafft.
- James Nachtwey
- Anton Corbijn
- Bruce Gilden
Allein dafür verdient das Haus Anerkennung. Denn unabhängig davon, wie man Fotografiska kulturpolitisch oder institutionell bewertet: Es bringt internationale Fotografie sichtbar in die Stadt. Nicht akademisch abgeschirmt, nicht museal distanziert, sondern mitten hinein in eine Öffentlichkeit, die längst nicht mehr selbstverständlich den Weg in klassische Ausstellungshäuser findet.
Genau darin liegt allerdings auch der Grund für die anhaltende Skepsis vieler Teile der Fotoszene.
Fotografiska bewegt sich bewusst zwischen Museum, Eventspace, Marke und Erlebnisarchitektur. Für manche ist das eine notwendige Öffnung der Fotografie in eine neue Gegenwart. Für andere wirkt es wie die Ästhetisierung kultureller Rezeption selbst — ein Ort, an dem Ausstellung, Gastronomie, Social Media und Lifestyle kaum noch klar voneinander zu trennen sind.
- Bruce Gilden – Why These? / Fotografiska Berlin
- James Nachtwey – Memoria im Fotografiska Berlin
- Corbijn, Anton, noch bis 20. September bei Fotografiska Berlin
Der Vorwurf lautet oft: zu glatt, zu instagrammabel, zu sehr Erlebnisökonomie.
Und tatsächlich folgt Fotografiska einer Logik, die mit klassischen europäischen Fotoinstitutionen nur bedingt vergleichbar ist. Das Haus denkt Fotografie weniger kunsthistorisch als kulturell. Weniger archivorientiert als aufmerksamkeitsorientiert. Nicht das stille Studium des einzelnen Bildes steht im Zentrum, sondern die Erfahrung eines Gesamtraums.
Das kann man kritisieren. Man sollte dabei aber nicht übersehen, dass genau diese Strategie offensichtlich funktioniert.
Während viele traditionelle Institutionen um Sichtbarkeit, Publikum und Relevanz kämpfen, gelingt es Fotografiska, internationale Namen nach Berlin zu holen, neue Besuchergruppen anzusprechen und Fotografie wieder als gesellschaftliches Ereignis zu inszenieren. Gerade in Deutschland, wo fotografische Institutionen oft zwischen Unterfinanzierung, akademischer Selbstreferenz und kulturpolitischer Vorsicht oszillieren, ist das keineswegs selbstverständlich.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb vielleicht woanders: nicht in der Frage, ob Fotografiska „zu kommerziell“ ist, sondern warum andere Institutionen dem derzeit so wenig entgegensetzen können.
Denn die Wahrheit ist auch: Wer innerhalb weniger Wochen Nachtwey, Gilden und Corbijn nach Berlin bringt, setzt international Maßstäbe — unabhängig davon, ob man anschließend noch im Museumsshop landet oder auf der Dachterrasse einen Drink bestellt.
Ein Kommentar von Thomas Gerwers

















