FREELENS hat einen neuen Honorar-Leitfaden veröffentlicht, der freien Fotografen eine fundierte Orientierung bei der Kalkulation ihrer Honorare geben soll. Statt verbindlicher Honorarsätze liefert der Verband ein praxisnahes Instrument, um fotografische Arbeit wirtschaftlich nachvollziehbar zu bewerten – von Produktionshonoraren über Nutzungsrechte bis zu Rücklagen, sozialer Absicherung und Verhandlungsstrategie.
Der Leitfaden beginnt mit einer grundsätzlichen Klarstellung: Fotografie ist nicht nur eine kreative oder handwerkliche Tätigkeit, sondern im freien Beruf auch unternehmerisches Handeln. Wer selbstständig arbeitet, muss nicht nur seinen Lebensunterhalt verdienen, sondern auch Betriebskosten, Versicherungen, Steuern, Rücklagen, Krankheit, Urlaub, Akquise und nicht abrechenbare Arbeitszeit einkalkulieren.
FREELENS verzichtet bewusst auf eine verbindliche Honorartabelle. Das hat nicht nur wettbewerbsrechtliche Gründe, sondern entspricht auch der Realität fotografischer Arbeit. Aufträge, Kunden, Nutzungsumfänge, Produktionsbedingungen und persönliche Lebenssituationen unterscheiden sich zu stark, um pauschale Mindestpreise festzulegen. Der Leitfaden setzt daher nicht bei festen Zahlen an, sondern bei der Frage: Welcher Umsatz ist notwendig, damit eine selbstständige fotografische Tätigkeit dauerhaft tragfähig bleibt?
Umsatz, Gewinn und Einkommen
Ein zentraler Punkt ist der Unterschied zwischen Umsatz, Gewinn und verfügbarem Einkommen. Der Umsatz ist nicht das Einkommen. Vom Umsatz gehen zunächst Betriebsausgaben ab, etwa für Studio oder Arbeitsplatz, Kamera- und Computertechnik, Software, Versicherungen, Steuerberatung, Reisen, Akquise und berufliche Infrastruktur. Erst danach ergibt sich der Gewinn. Von diesem wiederum müssen Sozialabgaben, Steuern und Rücklagen finanziert werden. Was am Ende bleibt, ist das verfügbare Einkommen – vergleichbar mit dem Nettogehalt eines Angestellten.
Wie groß die Lücke zwischen Umsatz und verfügbarem Einkommen sein kann, zeigt FREELENS anhand einer Beispielrechnung. Um auf ein verfügbares Nettojahreseinkommen zu kommen, das ungefähr dem eines durchschnittlich verdienenden Angestellten entspricht, kann bei soloselbstständigen Fotografen ein Jahresumsatz von rund 105.000 Euro erforderlich sein. In der beispielhaften Rechnung werden unter anderem 20.000 Euro Betriebskosten, Rücklagen, KSK-Beiträge und Einkommensteuer berücksichtigt. Entscheidend ist dabei auch die realistische Zahl abrechenbarer Tage: Nach Abzug von Urlaub, Feiertagen, Krankheit und investiver Arbeitszeit bleiben in der Beispielrechnung nur rund 127 produktive Tage im Jahr übrig. Daraus ergibt sich ein durchschnittlich notwendiger Tagesumsatz von rund 827 Euro.
Dieser Wert ist kein empfohlener Tagessatz für jeden Auftrag, sondern ein Rechenbeispiel. Genau darin liegt die Stärke des Leitfadens: Er zeigt, warum scheinbar hohe Honorare oft nur ausreichen, um überhaupt wirtschaftlich arbeiten zu können. Besonders deutlich wird das beim Thema investive Arbeitszeit. FREELENS rechnet damit, dass rund 40 Prozent der Arbeitszeit selbstständiger Fotografen nicht direkt abgerechnet werden können. Dazu gehören Akquise, Buchhaltung, Angebotserstellung, Portfolioarbeit, Weiterbildung, Strategie, Archivierung, freie Projekte und die Pflege beruflicher Netzwerke.
Honorarstruktur
Für die praktische Honorarstruktur empfiehlt FREELENS, Produktionskosten und Nutzungsrechte klar voneinander zu trennen. Pauschalhonorare mögen auf den ersten Blick einfacher wirken, verschleiern aber häufig, welche Leistungen tatsächlich erbracht und welche Rechte übertragen werden. Auch bei Pauschalen sollte daher genau definiert werden, welche Nutzungen enthalten sind. Eine Formulierung wie „inklusive Nutzungsrechte“ reicht nicht aus.
Beim Produktionshonorar steht zunächst die Arbeitszeit im Mittelpunkt: Briefing, Vorbereitung, Shooting, Bildauswahl, Nachbearbeitung, Abstimmung und Übergabe. Der Leitfaden erläutert, wie Tagessätze, Halbtagessätze, Stundensätze, Reisetage, Locationscouting, Casting, Beratung und Bildbearbeitung kalkuliert werden können. Dabei wird deutlich: Auch kurze Einsätze sind oft nicht einfach „ein paar Stunden Arbeit“, weil sie Vorbereitung, Planung und Terminbindung verursachen.
Der zweite große Baustein sind die Nutzungsrechte. Sie sind laut FREELENS der Kern der fotografischen Leistung, denn erst durch sie erhält der Kunde die Möglichkeit, Bilder konkret zu verwenden. Entscheidend sind Fragen wie: Soll die Nutzung exklusiv sein? Geht es um interne Kommunikation, B2B oder B2C? Werden die Bilder auf einer Website, in Social Media, in Printmedien oder in Kampagnen eingesetzt? Für welchen Zeitraum und welchen geografischen Raum werden Rechte eingeräumt? Dürfen Bilder bearbeitet, an Dritte weitergegeben oder für KI-Training genutzt werden? Soll auf Urhebernennung verzichtet werden?
Besonders kritisch sieht der Leitfaden pauschale Buy-out-Wünsche. „Alles, für immer und überall“ ist das umfassendste und damit teuerste Nutzungsmodell. Häufig brauchen Kunden ein solches Rechtepaket in der Praxis gar nicht, sondern möchten vor allem administrativen Aufwand vermeiden. Genau hier setzt der Leitfaden an: Er liefert Argumente, um Nutzungsrechte differenziert zu erklären und wirtschaftlich zu bewerten.
Als Orientierung verweist FREELENS unter anderem auf Nutzungsfaktoren aus dem Designbereich, die MFM-Liste sowie das Hamburger Lizenzmodell. Zugleich bleibt der Leitfaden bewusst praxisnah: Bei geringer Nutzung können Rechte im Tagessatz enthalten sein, bei erweiterter Nutzung kann ein Aufschlag angemessen sein, bei umfassender Nutzung muss das Nutzungshonorar entsprechend deutlich steigen. Wichtig ist das Grundprinzip: Je größer Reichweite, Dauer, Exklusivität und wirtschaftlicher Nutzen der Bilder sind, desto höher muss auch das Nutzungshonorar ausfallen.
Ein weiterer Aspekt ist die Zahl der gelieferten Bilder. FREELENS empfiehlt, die Anzahl finaler Motive, an denen Nutzungsrechte übertragen werden, bewusst zu begrenzen. Denn jedes verwendete Bild hat einen eigenen Wert. Wer zu viele Bilder pauschal ausliefert, macht das Einzelbild zum Billigartikel und verliert zugleich Verhandlungsspielraum für Nachkäufe.
Verhandlungspraxis
Der Leitfaden widmet sich außerdem der Verhandlungspraxis. Ein angemessenes Honorar zu berechnen, ist nur der erste Schritt. Es auch durchzusetzen, ist oft die größere Herausforderung. FREELENS empfiehlt, vor Verhandlungen drei Faktoren zu analysieren: die Perspektive des Kunden, die eigene Position und die Wettbewerbssituation. Wie wichtig sind die Bilder für das Projekt? Warum soll gerade dieser Fotograf beauftragt werden? Gibt es besondere Erfahrung, Bildsprache, Spezialisierung oder Verlässlichkeit? Und wie stark ist der Wettbewerb im jeweiligen Segment?
Auch Ausstellungsvergütungen werden angesprochen. FREELENS stellt klar, dass künstlerische Leistungen honoriert werden sollten. Wer Werke für Ausstellungen zur Verfügung stellt, schafft einen Mehrwert für Veranstalter, Institutionen und Öffentlichkeit. Als Orientierung nennt der Leitfaden die Leitlinie Ausstellungsvergütung des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler.
Ein abschließendes Kapitel widmet sich der Inflation. Für Selbstständige ist die regelmäßige Anpassung der Honorare keine Komfortfrage, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wer seine Honorare nicht an steigende Kosten anpasst, senkt real sein Einkommen – mit Folgen für Rücklagen, Altersvorsorge und wirtschaftliche Stabilität.
Umsatzrechner
Ergänzt wird der Leitfaden durch den FREELENS Umsatzrechner. Er hilft dabei, den individuell notwendigen Jahresumsatz anhand eigener Kosten, Ziele und Lebenshaltung zu ermitteln. Damit wird aus der abstrakten Frage nach „angemessenen Honoraren“ eine konkrete betriebswirtschaftliche Rechnung.
Der neue FREELENS Honorar-Leitfaden ist damit mehr als ein Kalkulationspapier. Er ist ein Werkzeug zur Professionalisierung des fotografischen Berufsalltags. Er zeigt, warum Honorare nicht aus dem Bauch heraus entstehen sollten, sondern aus einer realistischen Analyse von Kosten, Zeit, Rechten, Risiken und Wertschöpfung. Für freie Fotografen ist er deshalb eine lohnende Grundlage, um die eigene Arbeit besser zu kalkulieren, selbstbewusster zu verhandeln und langfristig wirtschaftlich bestehen zu können.
Download:
freelens.com










