Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) zeichnet Timm Rautert mit ihrem Kulturpreis 2026 aus. Die höchste Auszeichnung der Gesellschaft würdigt damit ein Lebenswerk, das dokumentarische Genauigkeit, konzeptuelle Reflexion und fotografische Lehre miteinander verbindet. Rautert habe die deutsche Fotografie über Jahrzehnte nicht nur mit seinem eigenen Werk geprägt, sondern ebenso als Journalist und als Professor für Fotografie.

Timm Rautert, Essen, 2025 (Foto: Albrecht Fuchs)
Der 1941 geborene Fotograf studierte von 1966 bis 1971 bei Otto Steinert an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Bereits während dieser Zeit begann er, die Bedingungen des fotografischen Bildes selbst zum Gegenstand seiner Arbeit zu machen. Die zwischen 1968 und 1974 entstandenen Experimente fasste er später unter dem Begriff „Bildanalytische Photographie“ zusammen. Reisen nach New York 1969 und Japan 1970 öffneten zugleich den Weg zu einer intensiven Beschäftigung mit dokumentarischer und journalistischer Fotografie.
In den folgenden Jahren arbeitete Rautert für große Magazine und Zeitungen, darunter insbesondere das ZEITmagazin, für das er zwischen 1974 und 1983 eng mit dem Journalisten Michael Holzach zusammenarbeitete, außerdem für Geo und Merian. Fotografie verstand er dabei als Instrument gesellschaftlicher Analyse. Arbeiten über Contergan-Betroffene oder Obdachlosenasyle stehen dafür ebenso wie langfristige Serien zu Arbeitswelten, kultureller Identität und gesellschaftlichen Rollenbildern. Zu den zentralen Werkgruppen gehören „Deutsche in Uniform“, „The Amish“, „Gehäuse des Unsichtbaren“ und „Eigenes Leben“.
- Timm Rautert, Josef Sudek, Prag 1967
Parallel dazu setzte sich Rautert intensiv mit der bildenden Kunst und ihren Protagonisten auseinander. Schon 1967 entstanden in Prag Porträts von Josef Sudek, 1970 in New York seine heute bekannten Aufnahmen von Andy Warhol. Weitere Künstlerporträts zeigen unter anderem Joseph Beuys, Gilbert & George, Walter de Maria, Blinky Palermo, Gerhard Richter, Ed Ruscha und James Turrell.
Eine besondere Rolle spielt in Rauterts Werk das gedruckte Bild. Mehr als 50 Buchpublikationen haben seine Arbeit begleitet – von Kooperationen mit Künstlern über Reportagebücher bis zu Publikationen aus seiner Lehrtätigkeit. Im Steidl Verlag erschienen in den vergangenen Jahren zentrale Werkkomplexe neu oder erstmals umfassend, darunter „Bildanalytische Photographie 1968–1974“, „otl aicher / rotis“, „Anfang“ sowie der Katalog zur Retrospektive „Timm Rautert und die Leben der Fotografie“ im Museum Folkwang.
- Timm Rautert, The Amish, 1974
Nicht weniger nachhaltig ist Rauterts Einfluss als Lehrer. Von 1993 bis 2008 war er Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Zu seinen Schülern zählen unter anderem Viktoria Binschtok, Johanna Diehl, Bernhard Fuchs, Sven Johne, Ricarda Roggan, Adrian Sauer, Sebastian Stumpf und Tobias Zielony – Positionen, die ihrerseits die zeitgenössische Fotografie in Deutschland geprägt haben. 2008 wurde Rautert als erster Fotograf überhaupt mit dem Lovis-Corinth-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Eine wichtige Weichenstellung für die dauerhafte wissenschaftliche Erschließung seines Werks erfolgte 2025. Rautert übergab sein Gesamtwerk als Vorlass an die Fotografische Sammlung des Museum Folkwang in Essen. Der Bestand umfasst rund 9.000 Prints, mehr als 50.000 Dias, sämtliche Negative einschließlich 6.500 Kontaktabzügen sowie Raum- und Videoinstallationen, Bücher, Korrespondenzen, Arbeitsmaterialien und Ausstellungsdokumentationen. Damit steht sein Archiv künftig als zentrale Quelle für die Fotoforschung zur Verfügung.
- Timm Rautert, Expo 70, Osaka, 1970
Die Verleihung des DGPh Kulturpreises findet am 24. Oktober 2026 im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) statt. Überreicht wird die von Ewald Mataré gestaltete goldgefasste Linse. Im Rahmen der DGPh Photography Awards werden an diesem Tag außerdem der Dr. Erich Salomon-Preis, die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography und der Otto Steinert-Preis – DGPh-Förderpreis für Fotografie – verliehen.
Bereits zuvor würdigt auch Rauterts langjähriger Galerist Sandro Parrotta den Fotografen anlässlich dessen 85. Geburtstags. Am 12. September 2026 eröffnet in der Galerie Parrotta Burg Lede Bonn die Ausstellung „Früher oder später“, die frühe und aktuelle Arbeiten miteinander verbindet. Zu sehen sind unter anderem neu montierte Schwarz-Weiß-Fotografien, die Serie „Zwieback und Der Kleine Bauer“, neue Collagen sowie großformatige Installationen aus Erinnerungsstücken, Postkarten und Fotografien.
Der Kulturpreis der DGPh wird seit 1959 an lebende Persönlichkeiten für bedeutende Leistungen im Bereich der Fotografie vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Gerhard Steidl, Ute und Werner Mahler, Helga Paris, Sarah Moon, Stephen Shore, Wolfgang Tillmans, Wim Wenders, Daido Moriyama, Irving Penn, Henri Cartier-Bresson und Man Ray. 2025 ging die Auszeichnung an Ann und Jürgen Wilde. WhiteWall unterstützt den Kulturpreis 2026 als Sponsor und exklusiver Printing Partner.
Foto oben: Timm Rautert, The Hutterites, 1978


















