Andreas Krupa alias eosAndy gehört zu den bekanntesten deutschen Cosplay-Fotografen. Der Dozent der Canon Academy setzt KI längst in seiner Bildbearbeitung ein – ausgerechnet, obwohl er der Technologie zunächst ausgesprochen skeptisch gegenüberstand. Entscheidend ist für ihn eine klare Grenze: KI darf ihm repetitive Retusche abnehmen, aber nicht die eigentliche fotografische Arbeit ersetzen.
Bevor Andreas Krupa fantastische Charaktere und aufwendig inszenierte Cosplayer fotografierte, stand er am Spielfeldrand. Fünf Jahre arbeitete er als Sportfotograf und fotografierte Cheerleading, Handball und Fußball in mehreren europäischen Ländern. Was er dort lernte, prägt seine Arbeit bis heute: Timing, Emotion und das Gespür für den richtigen Moment. Irgendwann fehlte ihm jedoch die kreative Gestaltung. Heute arbeitet Krupa unter dem Namen eosAndy als Cosplay- und Fantasy-Fotograf, erreicht auf Instagram rund 99.000 Follower und unterrichtet Cosplay-Fotografie an der Canon Academy.
Der Wechsel vom Sport zum Cosplay könnte kaum größer erscheinen. Tatsächlich beschreibt Krupa den Unterschied ziemlich präzise: Während Sportfotografie Momente dokumentiere, erschaffe man beim Cosplay gemeinsam ganze Welten.
Genau darin liegt für ihn der Reiz des Genres. Kostüme, Make-up und Charaktere entstehen häufig in stundenlanger Arbeit. Der Fotograf setzt diese Vorleistung nicht einfach ins Bild, sondern muss verstehen, welche Figur vor ihm steht und welche visuelle Welt zu ihr gehört. Krupas eigene Begeisterung für Star Wars, Comics, Games und Fantasy hilft dabei. Noch bevor er auslöst, hat er eine Vorstellung davon, wie Licht, Perspektive und Umgebung den jeweiligen Charakter unterstützen können.
Glaubwürdig statt glatt
So künstlich und fantastisch manche Figur auch sein mag, für Krupa muss das fertige Bild glaubwürdig bleiben. Gerade weil viele Charaktere aus Film, Comic oder Game über ein genau definiertes Erscheinungsbild verfügen, kann eine übertriebene Bearbeitung schnell das Gegenteil dessen erreichen, was eigentlich beabsichtigt war.
Das gilt besonders für Gesichter und Haut. Krupa formuliert seine Grenze unmissverständlich: „Ich mag es nicht, wenn Menschen am Ende aussehen wie aus Plastik.“ Bei der Beauty-Retusche versucht er deshalb, Hautstruktur und natürliche Farbigkeit zu erhalten.
Im Cosplay bekommt diese Haltung zusätzliche Bedeutung. Viele Models verbringen Stunden mit Make-up und Kostümierung. Einige stehen digitalen Veränderungen entsprechend kritisch gegenüber. Krupa beschränkt die Nachbearbeitung dann bewusst auf kleinere Korrekturen. Selbst Farben können tabu sein: Bei manchen Kostümen gehört der exakte Farbton so sehr zum Charakter, dass er nicht verändert werden soll.
Damit verschiebt sich die Frage nach Retusche. Es geht nicht darum, technisch möglichst viel verändern zu können, sondern darum, welche Veränderungen dem Bild und den Beteiligten überhaupt dienen.
Zwei Workflows
Wie umfangreich die Bearbeitung ausfällt, hängt bei Krupa stark von der Aufnahmesituation ab.
Bei Photobooths auf Conventions zählt Geschwindigkeit. Das Licht ist fest eingerichtet, der Hintergrund neutral, die Kamera arbeitet tethered direkt mit Lightroom. Ein Preset wird bereits beim Import angewendet. Die Cosplayer können anschließend über einen QR-Code auf ihre Bilder zugreifen – teilweise nur Sekunden nachdem sie das Set verlassen haben.
Die zweite Variante sind Aufnahmen on Location. Ein oder zwei mobile Blitze, eine reale Umgebung und deutlich weniger Bilder. Das ist die Arbeitsweise, die Krupa bevorzugt, weil Licht, Hintergrund und Stimmung ständig neue Entscheidungen verlangen.
Beide Varianten erzeugen allerdings Arbeit in der Postproduktion. Und genau dort kommt KI ins Spiel.
Vom Skeptiker zum Anwender
Krupas Haltung gegenüber KI war zunächst alles andere als euphorisch. Die Debatte über die vermeintliche Ablösung des Fotografen durch Maschinen war auch bei ihm präsent. Gleichzeitig beschreibt er sich selbst als Technik-Nerd – und begann deshalb relativ früh damit, KI-Werkzeuge praktisch auszuprobieren.
Sein Fazit fällt pragmatisch aus: KI ist für ihn kein Ersatz für Fotografie, sondern ein Werkzeug. Kamera, Licht, Idee, Kommunikation mit dem Model und die Entscheidung für den entscheidenden Moment entstehen weiterhin bei der Aufnahme.
Entsprechend setzt Krupa KI vor allem dort ein, wo sie Arbeitsschritte beschleunigt, die er ansonsten ohnehin manuell erledigen würde: Beauty-Retusche, kleinere Hintergrundkorrekturen oder die Erweiterung eines Hochformats zum Querformat.
Das ist eine interessante Trennlinie, weil sie quer zu einem großen Teil der gegenwärtigen KI-Debatte verläuft. Die Frage lautet dann nicht mehr schlicht: Ist KI im Spiel oder nicht? Sondern: Welche Aufgabe übernimmt sie innerhalb des fotografischen Prozesses?
Eine automatisierte Hautretusche, die einen bislang manuell erledigten Arbeitsschritt beschleunigt, ist etwas grundsätzlich anderes als ein vollständig aus einem Prompt erzeugtes Bild.
Generieren ist etwas anderes
Genau diese Unterscheidung zieht Krupa auch für seine eigene Arbeit. Privat experimentiert er durchaus mit generativer KI. Beruflich trennt er jedoch klar zwischen der Generierung eines Bildes und der Bearbeitung einer Fotografie, die er selbst aufgenommen hat.
Damit formuliert er eine Position, die sich inzwischen bei vielen professionellen Fotografen beobachten lässt. Während die generative Bilderzeugung weiterhin erhebliche Vorbehalte auslöst, werden KI-Funktionen innerhalb klassischer Bildbearbeitungsprogramme zunehmend selbstverständlich genutzt.
Denn die Grenze zwischen „KI“ und „normaler Bildbearbeitung“ lässt sich ohnehin immer schwerer ziehen. Entrauschung, Maskierung, Motiverkennung, automatische Retusche oder generative Erweiterungen sind längst Bestandteil zahlreicher Workflows.
Entscheidender wird damit, ob KI eine fotografische Entscheidung ersetzt oder lediglich deren technische Umsetzung beschleunigt.
Retusche in Sekunden
Krupa hat seine Bearbeitung auch live auf Twitch gezeigt. Dort ließ sich unmittelbar beobachten, welche Schritte automatisiert werden und welche weiterhin beim Fotografen bleiben.
Sein Argument ist einfach: Ob er fünf Minuten benötigt, um Hautunreinheiten manuell zu entfernen, oder ein KI-Werkzeug denselben Vorgang in wenigen Sekunden erledigt, ändert für ihn nichts am kreativen Kern des Bildes. Licht, Farbgebung, Stimmung und Stil bleiben menschliche Entscheidungen.
Für entsprechende Arbeiten nutzt Krupa unter anderem die KI-gestützten Werkzeuge von Retouch4me. Der Anbieter entwickelt spezialisierte Software für wiederkehrende Retuscheaufgaben und wirbt ausdrücklich damit, natürliche Ergebnisse zu erhalten, statt Haut und andere Strukturen vollständig glattzubügeln. Die Programme werden nach Herstellerangaben von Fotografen in mehr als 105 Ländern eingesetzt und wurden mit einem TIPA Award ausgezeichnet.
Wichtig für die Einordnung: Krupa tritt dabei nach Angaben des Unternehmens nicht als bezahlter Markenbotschafter oder Affiliate-Partner auf. Die Software wurde ihm allerdings zum Testen kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Die entscheidende Frage bleibt beim Fotografen
Gerade dieser praktische Umgang mit KI ist interessanter als die üblichen Grundsatzdebatten.
Krupas Position ist weder technikfeindlich noch euphorisch. Er nutzt Werkzeuge dort, wo sie ihm einen Vorteil bringen, setzt ihnen aber Grenzen, sobald sie das Erscheinungsbild seiner Modelle oder den Charakter seiner Fotografie zu stark verändern.
Das dürfte ziemlich genau die Herausforderung beschreiben, vor der viele Fotografen derzeit stehen. KI verschwindet nicht wieder aus der Bildbearbeitung. Im Gegenteil: Die Funktionen werden schneller, präziser und schwerer von klassischen Algorithmen zu unterscheiden sein.
Damit wird die entscheidende Frage künftig kaum lauten, ob Fotografen KI verwenden. Interessanter ist, wofür sie sie verwenden – und welche Entscheidungen sie weiterhin selbst treffen wollen.
Für Andreas Krupa ist diese Grenze klar: Die Maschine darf Arbeit abnehmen. Das Bild machen muss weiterhin der Fotograf.
Alle Abb.: Andreas Krupa



















