25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zeigt CAMERA WORK in Berlin die Ausstellung „Never Forget: September 11, 2001“. Rund 40 Arbeiten machen sichtbar, wie unterschiedlich Fotografen auf ein Ereignis reagierten, das sich tief in das kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben hat.
Kaum ein historisches Ereignis der jüngeren Vergangenheit wurde so stark durch Fotografien geprägt wie die Anschläge vom 11. September 2001. Bilder der brennenden Türme, der Rauchwolken über Manhattan und der Menschen auf den Straßen wurden innerhalb weniger Stunden zu global verbreiteten Symbolen. 25 Jahre später stellt sich deshalb nicht nur die Frage, was damals zu sehen war, sondern auch, wie Fotografie Erinnerung formt.
- Elliott Erwitt, New York City, 1979
Die Berliner Galerie CAMERA WORK widmet diesem Thema vom 5. September bis zum 2. Oktober 2026 die Ausstellung „Never Forget: September 11, 2001“. Gezeigt werden 40 fotografische Arbeiten, darunter bekannte und erstmals präsentierte Werke von Thomas Hoepker, Patrick Demarchelier, Steve McCurry, Elliott Erwitt, Russell James, Pete Souza und Eugenio Recuenco sowie Arbeiten weiterer Magnum-Fotografen.
Ein Bild, das Fragen stellt
Im Zentrum der Ausstellung steht Thomas Hoepkers berühmte Aufnahme „Blick von Williamsburg, Brooklyn, auf Manhattan, September 11, 2001“. Das Bild zeigt Menschen in Brooklyn, während im Hintergrund die Rauchwolke über Manhattan aufsteigt. Gerade die scheinbare Diskrepanz zwischen der Katastrophe in der Ferne und der fast alltäglich wirkenden Szene im Vordergrund hat die Fotografie zu einer der meistdiskutierten Darstellungen des 11. September gemacht.
- Russell James, Frame 9, Manhattan
CAMERA WORK bezeichnet das Werk als Bildikone von besonderer Bedeutung für Bildwissenschaft und Kunstgeschichte. Gerade darin liegt seine anhaltende Wirkung: Hoepkers Fotografie erklärt nichts. Sie konfrontiert den Betrachter vielmehr mit der Frage, wie sich ein historisches Ereignis in einem einzelnen Bild überhaupt angemessen darstellen lässt.
Zwischen Dokument und Erinnerung
Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf unmittelbare Dokumente des Tages. Sie stellt fotografische Augenzeugenschaft einer späteren künstlerischen Auseinandersetzung gegenüber.
Eugenio Recuenco nähert sich dem 11. September beispielsweise nicht als Beobachter, sondern als Bildkonstrukteur. Fünf Arbeiten aus seinem Zyklus „365°“ untersuchen, wie ein weltweit in Echtzeit verfolgtes Ereignis Jahrzehnte später im kollektiven Gedächtnis fortlebt. Seine Fotografien stehen damit bewusst im Gegensatz zu den dokumentarischen Positionen der Ausstellung.
Patrick Demarchelier wiederum ist mit Porträts vertreten, die einen Monat nach den Anschlägen bei einer Charity-Veranstaltung im Madison Square Garden entstanden. Sie zeigen eine andere Form fotografischer Erinnerung: nicht das Ereignis selbst, sondern Menschen und gesellschaftliche Reaktionen in seiner unmittelbaren Folge.
- Pete Souza, Pentagon 912
Das World Trade Center vor 9/11
Ein eigener Teil der Ausstellung widmet sich dem World Trade Center als fotografischem Motiv vor den Anschlägen. Arbeiten von Elliott Erwitt, Thomas Hoepker und Pete Souza aus den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren erhalten aus heutiger Sicht eine Bedeutung, die sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht haben konnten.
Was ursprünglich Architektur, Stadtlandschaft oder beiläufiger Hintergrund war, wird rückblickend zum historischen Dokument. Die Bilder verweisen auf eine Stadt und eine Wirklichkeit, die in dieser Form nicht mehr existieren. Gerade daran zeigt sich eine besondere Eigenschaft der Fotografie: Ihre Bedeutung kann sich lange nach dem Moment der Aufnahme grundlegend verändern.
So zeigt die Ausstellung etwa Elliott Erwitts „New York City“ von 1979, einen Gelatin Silver Print, neben späteren Arbeiten, die direkt oder indirekt mit den Anschlägen verbunden sind.
Fotografie als Teil des historischen Gedächtnisses
„Never Forget“ macht deutlich, dass sich die fotografische Auseinandersetzung mit 9/11 nicht auf klassische Reportage reduzieren lässt. Dokumentation, Inszenierung, Porträt, Stadtfotografie und nachträgliche künstlerische Interpretation stehen nebeneinander.
Damit rückt zugleich eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Wie verändert historisches Wissen unseren Blick auf Fotografien?
Ein Bild aus Manhattan aus dem Jahr 1979 wird nach 2001 anders gelesen als zuvor. Eine unmittelbar am 11. September entstandene Aufnahme wird mit wachsender zeitlicher Distanz vom Nachrichtenbild zum historischen Dokument. Eine Jahrzehnte später geschaffene Inszenierung wiederum kann untersuchen, was von einem Ereignis im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.
Gerade diese unterschiedlichen Zeitebenen machen die Ausstellung interessant. Sie zeigt nicht nur Fotografien über den 11. September, sondern auch, wie Bilder selbst Teil der Geschichte werden.
Begleitet wird die Ausstellung von Podiumsdiskussionen und Sonderführungen.
Foto oben: Thomas Hoepker, Blick von Williamsburg, Brooklyn, auf Manhattan, September 11, 2001
CAMERA WORK
Kantstraße 149
10623 Berlin
5. September bis 2. Oktober 2026
Dienstag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr


















