Vom 12. bis 15. November 2026 versammelt Paris Photo erneut die internationale Fotografie-Szene im Grand Palais. Die 29. Ausgabe steht im Zeichen des 200-jährigen Jubiläums der Fotografie – allerdings weniger als historische Rückschau denn als Bestandsaufnahme eines Mediums, dessen Grenzen sich durch Digitalisierung, algorithmische Bilder und KI gerade erneut grundlegend verschieben. 246 Aussteller aus 38 Ländern, darunter 199 Galerien und 48 Verlage, bilden dafür den bislang breit angelegten Rahmen.
Paris Photo gehört längst nicht mehr nur zu den wichtigsten Handelsplätzen für fotografische Kunst. Die Messe ist zugleich ein jährliches Seismogramm dafür, wie sich der Begriff Fotografie verändert. 2026 bekommt diese Rolle eine besondere Bedeutung: Zum Bicentenaire de la Photographie richtet Frankreich den Blick auf zwei Jahrhunderte fotografischer Bildproduktion – von Daguerreotypie und Kalotypie bis zu generativer KI.
80 der insgesamt 246 Aussteller sind erstmals oder erneut neu bei Paris Photo vertreten. Rund 1.260 Künstler werden gezeigt. Der Anteil weiblicher Positionen liegt bei 38 Prozent und hat sich damit gegenüber 2018, als er noch 20 Prozent betrug, nahezu verdoppelt.
- Zied Ben Romdhane, Youth playing on the beach, Bizerte, Cap Zebib, Tunisia, 2023 – Courtesy of the artist, Magnum Photos & Magnum Gallery
- Elle Perez, Untitled, 2025 – Courtesy of the artist & Public Relations
- Thomas Ruff, Star 16h 56m / -40°, 2020 – Courtesy of the artist, Artists Rights Society (ARS), VG Bild-Kunst & David Zwirner
Thomas Ruff empfängt die Besucher
Ein unübersehbares Statement setzt gleich am Eingang des Grand Palais Thomas Ruff. Fünf Galerien – David Zwirner, Konrad Fischer, Mai 36, Lia Rumma und Sprüth Magers – realisieren gemeinsam eine 36 Meter lange retrospektive Installation, die mehr als vier Jahrzehnte seines Werks umfasst.
Die Präsentation ist als eine Art offenes Buch konzipiert und passt damit programmatisch zum Jubiläumsjahr: Ruff hat seit den 1980er Jahren wie kaum ein anderer Künstler untersucht, was eine Fotografie eigentlich noch ist, wenn sie nicht zwingend auf einer klassischen Aufnahme basieren muss. Sein Werk reicht von analoger Fotografie über Appropriation und digitale Manipulation bis zu computergenerierten Bildern.
Parallel führt die Messe zurück zu den Ursprüngen des Mediums. Historisch spezialisierte Galerien zeigen frühe Verfahren und Arbeiten unter anderem von Louis Daguerre, William Henry Fox Talbot, Anna Atkins und Girault de Prangey. Die Geschichte der Fotografie erscheint damit nicht als separater musealer Block, sondern wird mit aktuellen Positionen konfrontiert.
152 Galerien im Hauptsektor
Der Main Sector in der großen Nave bleibt das Zentrum des Marktes. Dort präsentieren 152 Galerien aus 31 Ländern ihre Programme. Geplant sind 44 Solo-, elf Duo- und 92 Gruppenausstellungen.
Unter den Einzelpräsentationen finden sich sehr unterschiedliche Generationen und fotografische Positionen: Fotografien von Stanley Kubrick aus den 1950er Jahren stehen neben Arbeiten von Kati Horna, William Klein, Malick Sidibé, Martin Parr, Nadine Ijewere, Mari Katayama oder Elle Pérez.
- Germaine Krull, Damia, 1927 – Courtesy of the artist & Gilles Peyroulet & Cie
- Isabelle le Minh, Moebius film, 2019 – Courtesy of the artist & Galerie Christophe Gaillard
- Vanessa Beecroft, VB26.011.ALI, 1997 – Courtesy of the artist & Lia RummaVanessa Beecroft, VB26.011.ALI, 1997 – Courtesy of the artist & Lia Rumma
Auch deutsche Galerien und Künstler sind stark vertreten. Dazu gehören unter anderem Sprüth Magers, KLEMM’S, Kominek, Loock, Nagel Draxler, Persons Projects und Robert Morat aus Berlin sowie Konrad Fischer und Düsseldorf and Photography aus Düsseldorf, Parrotta und Zander aus Köln oder Gisela Clement aus Bonn. Im Duo-Programm zeigt Parrotta beispielsweise Philipp Goldbach und Timm Rautert, Kuckei + Kuckei bringt Ingo Gerken und Barbara Probst zusammen.
Bei den großformatig gedachten Prismes-Projekten sind neben Ruff unter anderem SMITH, Antony Cairns und Viktoria Binschtok vertreten.
Das Verschwinden der Fotografie
Besonders interessant erscheint 2026 der Voices Sector. Die Kuratoren Zasha Colah und Francesco Zanot stellen ihn unter das Thema „Disappearance“.
Ausgangspunkt ist ein interessantes Paradox: Fotografie entstand auch aus dem Wunsch, Vergängliches dauerhaft festzuhalten. Gerade im Jahr ihres 200-jährigen Bestehens scheint jedoch ihre eigene traditionelle Form zunehmend instabil zu werden.
Der Sektor betrachtet „Verschwinden“ deshalb nicht nur als fotografisches Motiv. Es geht um gefährdete Landschaften und marginalisierte Gemeinschaften ebenso wie um Bilder, die sich materiell verändern oder zerstören. Andere Arbeiten verschmelzen Fotografie mit Malerei, Skulptur und Installation.
Besonders aktuell wird das Konzept dort, wo algorithmische Bildbearbeitung, Software und künstliche Intelligenz ins Spiel kommen. Bilder können weiterhin wie Fotografien aussehen, während ihre direkte Beziehung zu einer vor der Kamera existierenden Wirklichkeit zunehmend verloren geht.
Damit trifft Paris Photo einen Kern der aktuellen fotografischen Debatte: Nicht nur die Technologien verändern sich, sondern der Begriff dessen, was wir überhaupt noch als Fotografie verstehen.
- Miguel Angel Rojas, SOBRE PORCELANA II, 1976 – Courtesy of the artist & La Cometa Gallery
Digital Sector: Was kommt nach der Kamera?
Noch direkter setzt sich der Digital Sector mit diesem Wandel auseinander. Für seine vierte Ausgabe übernimmt Marco De Mutiis vom Fotomuseum Winterthur die kuratorische Verantwortung.
13 Galerien, Plattformen und Projekte untersuchen, wie digitale Technologien Produktion und Wahrnehmung fotografischer Bilder verändern. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Photoshop. Soziale Medien, Gesichtserkennung, Smartphonefotografie, Memes, Screenshots, Computergrafik und fotorealistische KI prägen inzwischen unsere visuelle Wahrnehmung ebenso wie klassische Optik und Kamera.
De Mutiis will diese Entwicklung allerdings bewusst nicht als Bruch mit der Fotografiegeschichte behandeln. Der Digital Sector soll gerade die Kontinuitäten zwischen den technischen Revolutionen der Vergangenheit und den heutigen algorithmischen Bildwelten sichtbar machen.
Das passt bemerkenswert gut zum Jubiläum: Die Fotografie war schließlich von Beginn an nicht nur Kunstform, sondern immer auch Technologie.
Centre Pompidou: „Revealing“
Ein weiterer Schwerpunkt entsteht durch die Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou. Unter dem Titel „Revealing“ präsentiert das Museum rund 100 Werke von etwa 30 historischen und zeitgenössischen Künstlern aus seiner Fotosammlung.
Die Auswahl reicht vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart und enthält auch jüngere Erwerbungen, die eigens im Zusammenhang mit dem Bicentenaire entstanden sind.
Damit erhält der kommerzielle Messekontext ein museales Gegengewicht: Während die Galerien den aktuellen Markt abbilden, stellt das Centre Pompidou einzelne Entwicklungen in eine institutionelle Sammlungsgeschichte.
- Silina Syan, Made in Bangladesh séries, Bidyakut 19, 2026 – Courtesy of the artist & Galerie Fahmy Malinovsky
- Molly Matalon, Grand Prismatic Spring, 2025 – Courtesy of artist & Palm* Studios
- Alina Frieske, Untitled (Fruits), 2020 – Courtesy of the artist & ROBERT MORAT
Junge Positionen im Emergence Sector
Im ersten Obergeschoss konzentriert sich der Emergence Sector auf 20 monografische Projekte aus neun Ländern. Die Arbeiten reichen von persönlichen und alltäglichen Beobachtungen bis zu Krieg, Migration, kolonialer Geschichte und Fragen von Erinnerung und Zugehörigkeit.
Randa Mirza verbindet beispielsweise Fotografie, Poesie und Kalligrafie, um die Zerstörungen des Kriegs im Südlibanon zu thematisieren. Agnes Essonti Luque beschäftigt sich mit kolonialer Plünderung und Restitution, während Dev Dhunsi persönliche, diasporische und koloniale Erzählungen miteinander verknüpft.
Der Maison Ruinart Award 2026 geht in diesem Bereich an Philippe Jarrigeon, präsentiert von Womanray.
Zwei deutsche Gewinner beim Student Prize
Auch der fotografische Nachwuchs aus Deutschland ist prominent vertreten. Unter den vier Gewinnern des Paris Photo Students Prize 2026 befinden sich gleich zwei Studenten deutscher Hochschulen.
Camille Cellier von der Ostkreuzschule für Fotografie wird für „There Will Come Soft Rains“ ausgezeichnet, Jonas Glanz von der Hochschule Bielefeld für „One Day I am gonna be a man“. Hinzu kommen Jinyong Lian von den Beaux-Arts de Paris und Mirjam Reiter von der Universität für angewandte Kunst Wien.
Die Arbeiten werden sowohl auf Paris Photo als auch in einem großen Pariser Bahnhof präsentiert. Zusätzlich erhalten die Gewinner unter anderem ein von PICTO in Zusammenarbeit mit Hahnemühle produziertes Portfolio.
- Jonas Glanz, One Day I am gonna be a man series, 2026 Hochschule, Germany
- Jinyong Lian, Trust Me series, 2026 Beaux Arts de Paris, France
- Jack Davison, Book, 2023 – Courtesy of the artist
Fotobuch bleibt eigene Welt
Der Book Sector umfasst 48 Verlage und Vintage-Buchhändler aus 17 Ländern. Zu den etablierten Teilnehmern gehören Aperture, MACK, Atelier EXB, Kehrer, Hartmann Books und Spector Books. Neu dabei sind unter anderem Gato Negro und Obsidiana aus Mexiko sowie Palm Studios und FW:Books.
Mehr als 400 Signierstunden sollen während der Messetage stattfinden. Damit bleibt das Fotobuch innerhalb von Paris Photo weit mehr als ein Begleitprogramm und bildet faktisch eine eigene Messe innerhalb der Messe.
Hinzu kommen die Paris Photo-Aperture PhotoBook Awards. Vergeben werden Preise für das beste Erstlingsfotobuch, das PhotoBook of the Year und den Photography Catalogue of the Year. Der First PhotoBook Prize ist mit 10.000 US-Dollar dotiert. Die Gewinner werden am 13. November bekanntgegeben.
Sofia Coppola, Thomas Ruff und Zanele Muholi im Gespräch
Auch das Gesprächsprogramm wird weiter ausgebaut. Die Conversations bringen unter anderem Thomas Ruff, Thomas Demand und Zanele Muholi mit Kuratoren, Kritikern und Theoretikern zusammen. Weitere Veranstaltungen befassen sich mit Robert Adams, der Zukunft des Sammelns sowie mit der fotografischen Darstellung von Konflikten.
Die von Printed Matter organisierten Book Talks beschäftigen sich dagegen speziell mit dem Verhältnis von Künstlerbuch und Fotografie. Zu den angekündigten Gesprächspartnern gehören unter anderem Sofia Coppola und Michael Mack.
Auch KI wird nicht nur im Digital Sector behandelt. Das Ausbildungsprojekt „Soft Photography“ der ECAL untersucht beispielsweise, wie generierte und computergrafische Bilder emotional wirken und wie soziale Plattformen Bilder zunehmend darauf optimieren, Aufmerksamkeit, Zustimmung oder Empörung zu erzeugen.
- © Emma Zanello, finalist Pink Ribbon Photo Award
- Inconnu, Ambrotype cassée avec couche image décollée – Courtesy of the artist & Collection pédagogique du département pour la préservation du patrimoine photographique
Eine Messe über den Zustand der Fotografie
Damit scheint Paris Photo 2026 das Bicentenaire erfreulicherweise nicht als nostalgisches Jubiläum zu interpretieren. Historische Verfahren und frühe Fotografien sind zwar präsent, gleichzeitig stellt die Messe aber die Frage, was aus der Fotografie nach 200 Jahren geworden ist – und was sie künftig noch sein kann.
Thomas Ruff ist dafür nahezu die ideale Eröffnungsfigur. Vom klassischen Negativ über digitale Bearbeitung bis zum vollständig errechneten Bild zieht sich durch sein Werk genau jene Transformation, die mittlerweile das gesamte Medium betrifft.
Zwischen frühen Daguerreotypien, Vintage Prints, Fotobüchern, digitalen Simulationen und KI-basierten Bildwelten wird Paris Photo damit 2026 nicht nur zum Marktplatz fotografischer Kunst, sondern zu einer ziemlich umfassenden Bestandsaufnahme der Fotografie selbst.
Paris Photo 2026
Paris Photo findet vom 12. bis 15. November 2026 im Grand Palais statt. Donnerstag bis Samstag ist die Messe jeweils von 13 bis 20 Uhr geöffnet, am Sonntag bis 19 Uhr; für VIP-Besucher beginnt der Zugang jeweils bereits um 10.30 Uhr. Reguläre Tickets kosten unter der Woche 36 Euro, am Wochenende 41 Euro.
Foto oben: Anna Planas, Artistic Director der Paris Photo, und Florence Bourgeois, Director at the Grand Palais, 2026 © Cole Barash






























