Die IFA 2026 verzeichnete 240.000 Besucher aus 155 Ländern und mehr als 2.000 Aussteller. Damit übertraf die Berliner Technikmesse ihre Vorjahreswerte. Zwar ist auch der Bereich Content Creation deutlich gewachsen, doch von einem Ersatz für eine klassische Imaging-Messe ist die IFA weiterhin weit entfernt.
Fünf Tage lang dominierte auf dem Berliner Messegelände vor allem ein Begriff: künstliche Intelligenz. Hinzu kamen Robotik, Smart Home und vernetzte Anwendungen. Dass die IFA von einer „Rekordbilanz“ spricht, ist angesichts von 240.000 Besuchern und mehr als 2.000 Ausstellern nachvollziehbar. Es bleibt allerdings eine Bilanz des Veranstalters – und die IFA ist heute ein ausgesprochen heterogenes Ereignis aus Fachmesse, Publikumsveranstaltung, Creator-Event, Medienplattform und Entertainmentformat. Besucherzahlen lassen sich deshalb nur eingeschränkt mit denen klassischer Fachmessen vergleichen.
Mehr als 5.200 Pressevertreter, Blogger und Content Creator waren nach Angaben der IFA akkreditiert. Zusätzlich nahmen mehr als 1.500 Influencer, Creator und Streamer am Creator Hub teil, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch das zeigt, wohin sich die Veranstaltung entwickelt: Medienöffentlichkeit wird zunehmend selbst zum Bestandteil des Messeprodukts.
Show Area Content Creation
Für die Fotobranche ist vor allem die Entwicklung der Show Area Content Creation interessant. Ihre Fläche wurde gegenüber dem Vorjahr um 70 Prozent vergrößert und erstmals auf zwei Hallen verteilt. Präsentiert wurden Kameras, Drohnen, Objektive, Speicher, Licht- und Studiotechnik sowie Lösungen für KI-Postproduktion, Streaming, VR und AR.
Das klingt zunächst nach einer bemerkenswerten Rückkehr des Imaging-Themas nach Berlin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass „Content Creation“ etwas anderes meint als die klassische Fotobranche.
Die IFA selbst nennt als Trends unter anderem Smartphones, kompakte Creator-Rigs, 360-Grad-Kameras, 8K-Video, Live-Streaming, KI-Postproduktion und „Mobile First Social Video“. Die traditionelle Fotokamera ist darin nur noch ein Werkzeug unter vielen.
Genau darin liegt zugleich Stärke und Schwäche des Konzepts. Die IFA bildet ziemlich gut ab, wie sich Bilder heute tatsächlich produzieren und verbreiten lassen. Für Fotografen, die eine konzentrierte Übersicht über professionelle Kamerasysteme, Objektive, Farbmanagement, Fine-Art-Printing oder Studio-Workflows erwarten, bleibt das Angebot dagegen fragmentarisch.
Kein geschlossenes Imaging-Angebot
Immerhin war die Liste fotografisch relevanter Anbieter 2026 länger als zuletzt. DJI und Insta360 standen für den stark wachsenden Bereich kompakter Video-, Gimbal- und 360-Grad-Systeme. Sigma brachte klassische Optikkompetenz nach Berlin, ebenso Thypoch. Lexar und Western Digital adressierten mobile Speicherworkflows, Godox, Neewer und Amaran Licht und Zubehör. Die Marken Kodak und AgfaPhoto waren über GT Company vertreten. Die IFA hatte diese Anbieter bereits vor der Messe ausdrücklich als Teil ihres ausgebauten Content-Creation-Bereichs angekündigt.
Das ist mehr als ein reines Influencer-Zubehörprogramm. Trotzdem entstand daraus noch keine in sich geschlossene Fotomesse.
Gerade die interessantesten Entwicklungen zeigten vielmehr, wie weit sich Imaging inzwischen von der traditionellen Produktlogik entfernt hat. Gimbal-Kameras, autonome Kameradrohnen, KI-Tracking, Smartphone-Workflows und direkt für Social Media gedachte Hochkantproduktion spielen auf der IFA eine größere Rolle als die nächste Generation klassischer Systemkameras.
Kritischer zu betrachten ist auch die nahezu inflationäre Verwendung des Begriffs KI. Auf der IFA findet sich inzwischen kaum noch eine Produktkategorie, die ohne „AI“ auskommt. Bei Motivverfolgung, Bildbearbeitung oder automatisierter Postproduktion steckt dahinter teilweise tatsächlich erhebliche technologische Entwicklung. An anderer Stelle dient KI aber zunehmend als Marketingetikett für Funktionen, die vor wenigen Jahren schlicht Automatik oder Mustererkennung geheißen hätten.
Die IFA ist damit zugleich ein ziemlich gutes Abbild des aktuellen Technologiemarktes: Der Begriff KI verkauft, und entsprechend wird er auf beinahe jedes Produkt geklebt. Für professionelle Anwender stellt sich dagegen eine banalere Frage: Verbessert die Technik tatsächlich den Workflow oder nur die Produktbeschreibung?
Creator Economy statt Fotobranche
Besonders deutlich wird die strategische Richtung beim Creator Hub. Panels, Masterclasses, Streaming-Stationen, Markenaktivierungen und Produktionsmöglichkeiten machten das Palais am Funkturm zu einem eigenen Veranstaltungsbereich für Creator, Influencer und Medien. Die IFA versteht sich hier ausdrücklich als Plattform, die Marken und Creator Economy miteinander verbindet.
Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Content Creation ist ein wachsender Markt, der Kameras, Smartphones, Mikrofone, Licht, Computer, Speicher und Software miteinander verbindet. Für die Hersteller ist diese Zielgruppe attraktiv, gerade weil sie nicht mehr in den traditionellen Grenzen der Fotobranche denkt.
Die Frage ist nur, ob professionelle Fotografie innerhalb dieses sehr weit gefassten Begriffs langfristig ausreichend Profil behält.
Kein photokina-Ersatz
Es wäre deshalb verfrüht, aus der vergrößerten Content-Creation-Fläche ein Comeback der großen Fotomesse in Berlin abzuleiten. Dafür fehlt der IFA weiterhin die Breite und Tiefe eines vollständigen Imaging-Marktplatzes.
Vielleicht ist das aber auch die falsche Erwartung.
Die photokina stand für eine Zeit, in der Fotografie noch weitgehend eine eigenständige technische Branche war. Heute konkurrieren Systemkameras mit Smartphones, Filmkameras mit Gimbal-Cams, Fotografen mit Creators und klassische Postproduktion mit zunehmend automatisierten KI-Workflows.
Die IFA bildet genau diese Auflösung der Grenzen ziemlich konsequent ab.Ihre Rekordzahlen sind deshalb noch kein Beweis für eine neue Bedeutung als ein Signal, das die Imaging-Branche ernst nehmen sollte.
Ob daraus auch für professionelle Fotografie ein wirklich relevanter Messestandort entsteht, wird sich erst zeigen, wenn Berlin nicht nur mehr Creator und Fläche gewinnt, sondern auch mehr von den Unternehmen gewinnen kann, die den klassischen professionellen Imaging-Markt prägen.
Fotos: IFA
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