Das Kunsthaus Göttingen zeigt mit „Martin Schoeller | Drag Queens and other Stories“ bis 11. Oktober 2026 eine umfassende Auswahl aus dem Werk des international renommierten Porträtfotografen. Die von Anke Degenhard kuratierte Ausstellung verbindet vier zentrale Werkgruppen und stellt Schoellers konsequenten Blick auf Individualität, Identität und gesellschaftliche Zuschreibungen in den Mittelpunkt.
- Martin Schoeller, DRAG QUEEN, Acid Betty
Bekannt wurde Martin Schoeller vor allem durch seine großformatigen Close-Up-Porträts. Gleicher Bildausschnitt, gleiches Licht und eine weitgehend identische Perspektive schaffen dabei eine formale Gleichheit, die Unterschiede von Prominenz, Herkunft oder gesellschaftlichem Status bewusst zurücknimmt. Entscheidend wird das Gesicht selbst: Haut, Mimik und Blick werden in einer Nähe sichtbar, die kaum Raum für inszenierte Distanz lässt.
Die Göttinger Ausstellung stellt diese inzwischen ikonische Bildsprache in einen größeren Zusammenhang. Neben Close-Up sind die Serien Drag Queens, Portraits und Death Row Exonerees zu sehen. Gerade in der Gegenüberstellung zeigt sich, wie konsequent Schoeller das Porträt als Mittel nutzt, gesellschaftliche Hierarchien und Zuschreibungen zu hinterfragen.
Zwischen Inszenierung und Person
Die titelgebende Serie Drag Queens führt diesen Ansatz besonders deutlich vor. Schoeller fotografiert Drag nicht allein als spektakuläre Performance oder visuelle Verwandlung, sondern richtet den Blick auf die Persönlichkeiten hinter Kostüm, Make-up und Rolle. Selbstinszenierung und Identität erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten derselben fotografischen Begegnung.
Zeitgleich zur Ausstellung erscheint bei Steidl die Monografie „Martin Schoeller. Drag Queens“. Die darin versammelten Porträts entstanden unter anderem in New York, Los Angeles, Berlin und London.
Gesichter der Ungerechtigkeit
Einen deutlich politischen Akzent setzt die Serie Death Row Exonerees. In Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Organisation Witness to Innocence porträtierte Schoeller Menschen, die unschuldig zum Tode verurteilt worden waren und erst nach Jahren oder Jahrzehnten freigesprochen wurden.
Die formale Konsequenz seiner Porträtfotografie erhält hier eine zusätzliche Dimension: Die Gesichter stehen für individuelle Biografien, zugleich aber auch für die Folgen von Justizirrtümern und für die Frage, was jahrelanger Freiheitsentzug mit einem Menschen macht. Die Fotografien erzählen von Verletzlichkeit und Würde, aber auch von Resilienz und dem Wunsch nach Gerechtigkeit.
We All Bleed Red
Begleitet wird die Ausstellung durch den Dokumentarfilm „We All Bleed Red“ von Josephine Links. Der 87-minütige Film begleitet Schoeller bei seinen fotografischen Langzeitprojekten in den USA und konzentriert sich insbesondere auf Menschen, die gewöhnlich nicht im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit stehen.
Der Titel bringt zugleich eine zentrale Haltung seines Werks auf den Punkt: Hinter sozialen Rollen, Zuschreibungen und Unterschieden steht für Schoeller die Gleichwertigkeit des Menschen. Der Film wird am 12. September um 11 Uhr als Matinée im Kino Lumière/Méliès gezeigt.
Martin Schoeller wurde 1968 in München geboren, studierte Fotografie am Lette-Verein in Berlin und arbeitete ab 1993 mehrere Jahre als Assistent von Annie Leibovitz in New York. Seit Ende der 1990er-Jahre ist er selbstständig und fotografiert regelmäßig für Magazine wie The New Yorker, TIME, GQ, National Geographic, Vanity Fair und Rolling Stone. Er lebt und arbeitet in New York.
Die Fotografien der Göttinger Ausstellung werden auf Schoellers Signature PhotoRag Baryta sowie auf Lanaquarelle-Papier von Hahnemühle FineArt präsentiert. Der Eintritt folgt dem Prinzip „Pay as you please“: Besucher entscheiden beim Verlassen des Kunsthauses selbst über ihren Beitrag.
Martin Schoeller | Drag Queens and other Stories
Kunsthaus Göttingen
Bis 11. Oktober 2026
Kuratorin: Anke Degenhard
Foto oben: Martin Schoeller, Portraits Tarantino















