DxO PhotoLab 10 verschiebt den Schwerpunkt deutlich über die klassische RAW-Entwicklung hinaus. Neben den bekannten Stärken bei Rauschminderung und Objektivkorrekturen erweitert die neue Version vor allem die selektive Bildbearbeitung: Tiefenmasken analysieren räumliche Bildstrukturen, KI-Masken erkennen einzelne Personen und Gesichtspartien, U Point wird flexibler und ein neues Color-Grading-Modul soll kreative Looks direkt im RAW-Workflow ermöglichen. Für Arbeiten, die tatsächlich Pixelbearbeitung verlangen, integriert DxO außerdem Affinity.
DxO war bei PhotoLab bislang vor allem dort besonders konsequent, wo es um die technische Qualität einer RAW-Datei geht: Demosaicing, Rauschreduzierung und optische Korrekturen stehen seit Jahren im Zentrum. Mit PhotoLab 10 erweitert das Unternehmen diese Philosophie nun deutlich in Richtung lokaler und kreativer Bearbeitung.
Die neue Version versucht damit eine Lücke zu schließen, die viele Fotografen bislang mit mehreren Programmen abdecken: möglichst hochwertige RAW-Entwicklung auf der einen, umfangreiche lokale Eingriffe und Color Grading auf der anderen Seite.
Tiefenmasken ohne Tiefeninformationen
Eine der wichtigsten Neuerungen sind die Tiefenmasken. Dabei analysiert PhotoLab das Bild und erzeugt eine Tiefenkarte, aus der Vorder-, Mittel- und Hintergrund voneinander unterschieden werden können.
Bemerkenswert ist, dass hierfür keine in der Datei gespeicherten Tiefeninformationen erforderlich sind. Die Software leitet die räumliche Struktur aus dem Bild selbst ab. Anschließend kann der gewünschte Entfernungsbereich für eine lokale Korrektur eingegrenzt werden.
Über zusätzliche Regler lassen sich die Übergänge zwischen den Tiefenebenen weich gestalten. Das eröffnet Anwendungen, die bislang häufig aufwändige manuelle Maskierungen verlangten – beispielsweise wenn Vorder- und Hintergrund unterschiedlich in Farbe, Kontrast oder Helligkeit bearbeitet werden sollen.
Gerade bei Landschaft, Architektur oder inszenierten Aufnahmen könnte das eine praktisch relevante Ergänzung sein: Die Auswahl erfolgt nicht nur danach, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern auch danach, wo es sich innerhalb der wahrgenommenen räumlichen Tiefe befindet.
Personen gezielt auswählen
Auch die bereits vorhandenen KI-Maskierungsfunktionen werden erweitert. PhotoLab 10 kann bei Gruppenaufnahmen einzelne Personen erkennen und getrennt auswählen. Fotografen müssen damit nicht mehr zwangsläufig alle Menschen einer Szene gemeinsam bearbeiten.
Die Auswahl lässt sich auf einzelne, mehrere oder sämtliche erkannten Personen anwenden. Das dürfte vor allem bei Event-, Hochzeits- und Gruppenfotografie Zeit sparen, wenn beispielsweise nur einzelne Protagonisten aufgehellt oder farblich angepasst werden sollen.
Noch detaillierter wird die automatische Auswahl bei Porträts. Zusätzlich zu bereits vorhandenen Kategorien wie Himmel, Motiv, Hintergrund, Personen, Tiere, Blumen und Fahrzeuge erkennt PhotoLab 10 nun Augenbrauen, Augen und Lippen als eigenständige Bereiche.
Damit lassen sich beispielsweise Augen oder Lippen gezielt korrigieren, ohne die Maske dafür erst von Hand anzulegen.
U Point wird flexibler
DxO baut gleichzeitig seine eigene U Point-Technologie aus.
Neu ist ein sogenannter Kontrollstrich, mit dem sich individuelle Auswahlformen zeichnen lassen. Die Idee verbindet eine frei definierbare geometrische Auswahl mit der bekannten U-Point-Logik, bei der Farbe und Helligkeit des Ausgangspunkts darüber entscheiden, welche Bildbereiche tatsächlich von der Korrektur erfasst werden.
Zusätzlich gibt es elliptische Kontrollpunkte, wodurch lokale Anpassungen besser an Motive angepasst werden können.
Interessant ist vor allem die Verbindung der beiden Maskierungswelten: KI-generierte Masken können mit der U Point Pipette weiter verfeinert werden. Die automatische Motiverkennung liefert also den Ausgangspunkt, während U Point anschließend Farbe und Helligkeit zur präziseren Eingrenzung nutzt.
Das ist konzeptionell sinnvoller, als KI und klassische Auswahlwerkzeuge gegeneinander auszuspielen. Die Automatik übernimmt die grobe Arbeit, der Fotograf behält die Möglichkeit zur gezielten Korrektur.
Color Grading direkt in PhotoLab
Mit Version 10 bekommt PhotoLab außerdem ein umfangreicheres Color-Grading-Werkzeug.
Es soll eine präzise Kontrolle über Farbe und Tonwert ermöglichen – von subtilen Korrekturen bis zu deutlich stilisierten Looks. Die Bedienung orientiert sich visuell stärker an Werkzeugen, wie man sie aus professionellen Farbkorrektur- und Videosystemen kennt.
Für PhotoLab ist das durchaus ein strategischer Schritt. Wer bislang nach der technischen RAW-Entwicklung für den eigentlichen Look in eine zweite Anwendung gewechselt ist, soll einen größeren Teil dieser Arbeit nun direkt im RAW-Konverter erledigen können.
Damit verändert sich auch die Rolle der Software: PhotoLab 10 möchte nicht mehr nur möglichst gute Ausgangsdaten für die weitere Bearbeitung liefern, sondern einen größeren Teil des finalen Bildlooks selbst übernehmen.
Affinity für die Pixelbearbeitung
Ganz ersetzen kann und will ein RAW-Konverter einen klassischen Pixel-Editor dennoch nicht. Für Retuschen, Compositings oder komplexe Detailkorrekturen bindet DxO deshalb Affinity enger ein.
Über eine neue Schaltfläche lässt sich ein Bild direkt aus PhotoLab an Affinity übergeben. DxO beschreibt diese Verbindung als ersten Schritt einer weitergehenden Integration, die in zukünftigen Versionen ausgebaut werden soll.
Das ist besonders interessant, weil DxO damit nicht versucht, sämtliche Photoshop-ähnlichen Funktionen selbst nachzubauen. PhotoLab bleibt zunächst RAW-Editor und übergibt Pixelarbeiten an ein dafür spezialisiertes Programm.
Für Fotografen, die bereits mit Affinity arbeiten, könnte dadurch ein vergleichsweise geschlossener Workflow aus RAW-Entwicklung und anschließender Pixelbearbeitung entstehen.
Sensordreck automatisch entfernen
Eine weitere KI-Funktion dürfte vor allem Vielproduzenten freuen: PhotoLab 10 erkennt Sensorstaub direkt auf RAW-Ebene.
Statt einzelne Flecken Bild für Bild zu retuschieren, soll die Software Verunreinigungen automatisch erkennen und über komplette Bildserien hinweg entfernen können. Gerade bei Landschaft, Architektur oder Studioaufnahmen mit gleichförmigen Flächen kann das erhebliche Routinearbeit vermeiden.
Wie zuverlässig das bei schwierigen Motivstrukturen funktioniert, wird sich in der Praxis zeigen müssen. Der Ansatz ist jedenfalls sinnvoll: Sensorstaub gehört zu jenen Problemen, bei denen Automatisierung tatsächlich Zeit sparen kann, ohne in die kreative Bildentscheidung einzugreifen.
Auch der Workflow wird überarbeitet
Neben den auffälligen KI- und Maskierungsfunktionen hat DxO mehrere kleinere Workflow-Baustellen angefasst.
Dazu gehören Unterstützung verschiedener Seitenverhältnisse bereits bei der Aufnahme, Verbesserungen des Histogramms innerhalb der PhotoLibrary, neue Werkzeuge zur Sicherung und Wiederherstellung der Datenbank sowie eine einfachere Verwaltung und Verschiebung von Ordnern.
Das klingt weniger spektakulär als Tiefenmasken oder KI, dürfte im täglichen Umgang mit großen Bildbeständen aber mindestens ebenso relevant sein.
Weiterhin ohne Abo
An einem wichtigen Bestandteil des Geschäftsmodells hält DxO fest: PhotoLab 10 wird weiterhin als unbefristete Lizenz angeboten.
Die Vollversion kostet 249,99 Euro. Für Anwender von PhotoLab 8 und 9 verlangt DxO für das Upgrade 129,99 Euro. PhotoLab 10 ist seit dem 1. September 2026 verfügbar.
Gerade in einem Softwaremarkt, der zunehmend von Abonnements geprägt ist, bleibt das ein relevantes Unterscheidungsmerkmal.
Vom RAW-Konverter zur kompletten Arbeitsumgebung
Die eigentliche Entwicklung von PhotoLab 10 liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Funktion als in der Kombination der Neuerungen.
DxO versucht erkennbar, den bislang stark technisch geprägten RAW-Workflow um jene Werkzeuge zu erweitern, für die Fotografen häufig zusätzliche Software einsetzen: komplexe Maskierung, Porträtselektion, Color Grading und automatisierte Retusche.
Dabei ist der Ansatz vergleichsweise klar getrennt. RAW-basierte Korrekturen bleiben in PhotoLab, echte Pixelmanipulation wird an Affinity übergeben.
Ob PhotoLab 10 dadurch für bestehende Anwender ein zwingendes Upgrade wird, dürfte stark davon abhängen, wie häufig sie lokale Korrekturen einsetzen. Wer PhotoLab hauptsächlich wegen DeepPRIME und der DxO-Objektivmodule nutzt, bekommt vor allem zusätzliche Möglichkeiten. Für Fotografen, die möglichst viel ihres fertigen Looks bereits im RAW-Konverter erzeugen wollen, fällt der Schritt von Version 9 auf 10 dagegen deutlich größer aus.



















