Das Fotomuseum Winterthur widmet Helen Levitt eine umfassende Retrospektive. Mehr als 200 Fotografien, Filme, Farbdias und bislang kaum zugängliches Archivmaterial zeichnen das Werk einer Fotografin nach, die den Blick auf das Leben in den Straßen New Yorks entscheidend geprägt hat.
Über fünf Jahrzehnte beobachtete Helen Levitt das Leben auf den Straßen New Yorks. Ihre Fotografien erzählen von Kindern und Erwachsenen, von Gesten und Blicken, von kleinen Inszenierungen des Alltags und jenen flüchtigen Konstellationen, die im nächsten Moment bereits wieder verschwunden sind. Vom 24. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027 zeigt das Fotomuseum Winterthur unter dem Titel „Helen Levitt – Die Strasse als Bühne“ eine umfassende Retrospektive ihres Werks.
- Helen Levitt, New York (Subway), 1975 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
Die Ausstellung verbindet erstmals in diesem Umfang Levitts fotografisches Schaffen mit Materialien aus ihrem erst seit Kurzem öffentlich zugänglichen Archiv. Mehr als 200 Fotografien aus einem halben Jahrhundert treffen auf den dokumentarischen Kurzfilm „In the Street“ von 1948, eine Projektion ihrer Farbdias sowie rund 115 Ephemera und Archivstücke. Neben frühen Silbergelatineabzügen und Dye-Transfer-Prints sind auch bislang unveröffentlichte Kontaktabzüge zu sehen.
Beobachterin des Alltags
Helen Levitt, 1913 in Brooklyn geboren und 2009 gestorben, gehört zu den prägenden Stimmen der amerikanischen Street Photography. Seit den späten 1930er Jahren fotografierte sie vor allem in East Harlem, der Lower East Side und später auch in der Bronx. Besonders häufig richtete sich ihre Kamera auf Kinder, die damals einen erheblichen Teil ihres Lebens auf der Straße verbrachten. Ihre Spiele, spontanen Gesten und Kreidezeichnungen wurden zu wiederkehrenden Motiven.
- Helen Levitt, Brooklyn, New York, 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
- Helen Levitt, New York, 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
Levitts Bilder sind dabei weit mehr als nostalgische Dokumente eines verschwundenen New York. Ihr Blick galt den sozialen Choreografien des öffentlichen Raums. Mit großer Aufmerksamkeit für Körperhaltung, Gestik und räumliche Beziehungen verwandelte sie scheinbar beiläufige Situationen in komplexe fotografische Szenen. Humor und Melancholie liegen dabei oft eng beieinander.
Früh kam Levitt in der New York Film and Photo League mit Fotografen wie Henri Cartier-Bresson in Kontakt. Dessen Arbeit mit der kleinen Leica wurde für sie zum Impuls, selbst mit einer handlichen Kamera durch die Stadt zu ziehen. Auch Walker Evans gehörte zu ihren Wegbegleitern; zeitweise teilten sich beide sogar eine Dunkelkammer. Bereits 1943 zeigte das Museum of Modern Art in New York Levitts Arbeiten in der Einzelausstellung „Photographs of Children“.
Gemeinsam mit Walker Evans und dem Schriftsteller James Agee entwickelte sie 1941 außerdem ihre erste Publikation mit New Yorker Fotografien. Das Projekt erschien schließlich 1965 unter dem Titel „A Way of Seeing“ und gehört heute zu den Klassikern der fotografischen Buchgeschichte.
Bewegung statt Stillstand
Dass Levitts Interesse über die Einzelaufnahme hinausging, zeigt „In the Street“. Den experimentellen Kurzfilm realisierte sie ab Mitte der 1940er Jahre gemeinsam mit James Agee und der Künstlerin, Regisseurin und Produzentin Janice Loeb. Gefilmt wurde in Spanish Harlem. Im Zentrum stehen Bewegung, Gestik und der Rhythmus des Straßenlebens.
- Helen Levitt, Mexico City, 1941 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
- Helen Levitt, New York (Subway), 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
- Helen Levitt, New York, c. 1940 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
Die Kamera beobachtet, ohne sichtbar einzugreifen. Gerade diese unmittelbare Form der Aufzeichnung macht „In the Street“ zu einem frühen Vorläufer jener filmischen Ansätze, die später unter dem Begriff Cinéma vérité bekannt wurden. Nach seiner ersten Vorführung 1949 folgten weitere Filmprojekte Levitts. Zeitweise arbeitete sie auch als Editorin, unter anderem im Umfeld von Luis Buñuel.
Ein anderer Blick auf Mexiko
Einen eigenen Abschnitt der Ausstellung bildet Levitts Reise nach Mexiko im Jahr 1941. Inspiriert insbesondere von Cartier-Bresson fotografierte sie dort Menschen auf den Straßen und in den Außenbezirken von Mexiko-Stadt.
Anstatt jedoch die surrealistischen Bildwelten zu übernehmen, die viele europäische Künstler mit Mexiko verbanden, blieb Levitt ihrer eigenen fotografischen Haltung treu. Sie konzentrierte sich auf menschliche Beziehungen, Gesten und zufällige Begegnungen. In Winterthur sind aus dieser Werkphase 13 Silbergelatineabzüge sowie mehr als 100 Arbeitsabzüge zu sehen.
Frühe Farbe
Weniger bekannt als ihre Schwarzweißfotografie ist Levitts frühe Auseinandersetzung mit Farbe. Bereits Ende der 1950er Jahre begann sie, systematisch mit Farbfilm zu arbeiten. 1959 erhielt sie das erste von zwei Guggenheim-Stipendien, um mit den damals neuesten Verfahren der Farbfotografie zu experimentieren.
- Helen Levitt, New York, 1988 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
- Helen Levitt, New York, 1971 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
Levitt kehrte dafür in jene New Yorker Viertel zurück, die sie bereits seit Jahrzehnten fotografierte. Doch mit dem Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe veränderte sich auch ihre Aufmerksamkeit. Fassaden, Kleidung, Reklame und zufällige Farbkorrespondenzen wurden zu eigenständigen Elementen ihrer Bildkompositionen.
Ein großer Teil dieser frühen Farbdias wurde in den 1970er Jahren gestohlen. Levitt setzte ihre Arbeit dennoch fort und entwickelte einen zunehmend selbstverständlichen, intuitiven Umgang mit Farbe. Damit gehört sie zu jener Generation, die die Farbfotografie lange vor ihrer breiten Anerkennung im Kunstbetrieb als eigenständige fotografische Sprache nutzte.
Fünf Jahrzehnte New York
Gerade die lange Zeitspanne ihres Werks macht die Winterthurer Retrospektive interessant. Levitts Fotografien zeigen nicht nur individuelle Situationen, sondern auch die Veränderungen des öffentlichen Raums. Mode, Konsum, soziale Strukturen und die Nutzung der Straße verändern sich sichtbar. Die Stadt bleibt Bühne, doch ihre Darsteller und Kulissen wechseln.
- Helen Levitt, New York, c. 1940 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
- Helen Levitt, New York, c. 1938 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln
Levitts besondere Qualität liegt darin, dass ihre Fotografien nie wie soziologische Beweisstücke wirken. Sie beschreiben gesellschaftliche Wirklichkeit, ohne ihre Motive darauf zu reduzieren. Nähe und Distanz bleiben in Balance. Die Fotografin ist mitten im Geschehen und bleibt zugleich Beobachterin.
Kuratiert wurde die Wanderausstellung von Joshua Chuang in Kooperation mit der Fundación MAPFRE. Neben Winterthur gehören Barcelona und Madrid, die Kunsthal Rotterdam sowie C/O Berlin zu den internationalen Stationen.
Eröffnet wird „Helen Levitt – Die Strasse als Bühne“ am 23. Oktober 2026 im Fotomuseum Winterthur. Die Ausstellung läuft vom 24. Oktober 2026 bis zum 31. Januar 2027.
Helen Levitt – Die Strasse als Bühne
Fotomuseum Winterthur
24. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027
Foto oben: Helen Levitt, New York, 1976 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

























