Mit dem neuen ANALOGUE Photo.Festival entsteht im Juni 2026 in Südtirol erstmals eine Biennale, die sich konsequent der analogen Fotografie widmet. Vom 3. bis 14. Juni will Bruneck sich gemeinsam mit neun weiteren Orten in Südtirol als Treffpunkt für Künstler, Fotografen und Fotointeressierte positionieren.
Das Festival steht unter dem Motto „Beyond the Instant“ und versteht Fotografie nicht als schnellen, digitalen Augenblick, sondern als bewussten Prozess. Im Mittelpunkt stehen Entschleunigung, Materialität und die physische Erfahrung fotografischer Arbeit – von der Aufnahme bis zur Entwicklung im Labor. Damit greift die Veranstaltung eine Entwicklung auf, die seit einigen Jahren innerhalb der Fotoszene deutlich sichtbar wird: das wachsende Interesse an analogen Verfahren als Gegenentwurf zur permanenten Bilderflut sozialer Medien und KI-generierter Inhalte.
Der Zeitpunkt für ein solches Festival ist bewusst gewählt. Anlass ist das 200-jährige Jubiläum der Fotografie. Im Jahr 1826 gelang Joseph Nicéphore Niépce mit „Point de vue du Gras“ die älteste erhaltene Fotografie der Welt. Das Festival nimmt dieses historische Datum zum Ausgangspunkt, um Fotografie nicht nur als Technik, sondern als kulturelle Praxis zu betrachten.
Dabei versteht sich das ANALOGUE Photo.Festival ausdrücklich nicht als nostalgische Rückschau. Vielmehr soll untersucht werden, welche Relevanz analoge Verfahren heute noch besitzen – sowohl ästhetisch als auch gesellschaftlich. Gerade in einer Zeit, in der Bilder jederzeit digital produziert, manipuliert und massenhaft verbreitet werden können, wirkt die Konzentration auf chemische Prozesse, handwerkliche Arbeit und bewusste Bildproduktion fast wie ein kultureller Gegenentwurf.
Organisiert wird das Festival von Caroline Renzler und Fabian Haspinger vom Fotoatelier Silbersalz in Welsberg gemeinsam mit Lisa Leoni vom Eck Museum in Bruneck sowie Thina Adams vom LUMEN Museum für Bergfotografie. Ziel ist es nicht nur, internationale Positionen der Analogfotografie zu zeigen, sondern auch die regionale Fotoszene zu stärken und stärker zu vernetzen.
Insgesamt nehmen 15 lokale und internationale Künstler teil. Das Festivalprogramm umfasst Ausstellungen, Workshops, Künstlergespräche, Photowalks und sogenannte Site-Events. Die Veranstalter setzen dabei bewusst auf einen dezentralen Ansatz. Unter dem Titel „Chambres #1–7“ verteilen sich die Ausstellungen und Veranstaltungen auf verschiedene Orte zwischen Vinschgau, Bozen, Franzensfeste und Gadertal. Der Begriff „Chambre“ verweist dabei auf die fotografische Dunkelkammer, die chambre noire.
Gerade diese räumliche Verteilung könnte sich als besondere Stärke des Festivals erweisen. Statt einer zentralisierten Messeatmosphäre entsteht ein Netzwerk unterschiedlicher Orte, das Besucher aktiv durch die Region führt. Gleichzeitig birgt genau dieses Konzept auch Herausforderungen: Die Wege zwischen einzelnen Schauplätzen könnten spontane Festivalbesuche erschweren und setzen ein Publikum voraus, das bereit ist, sich intensiver auf die Veranstaltung einzulassen.
Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Landschaft selbst. Die Veranstalter beschreiben die Dolomiten als eine Region, die längst zu einem permanent reproduzierten Bildmotiv geworden ist. Das Festival will deshalb bewusst „unter die visuellen Oberflächen“ blicken und hinterfragen, wie Bilder touristische Wahrnehmung prägen.
Mit JOBO beteiligt sich zudem einer der traditionsreichsten Hersteller analoger Fototechnik am Festival. Das Unternehmen bietet vom 8. bis 12. Juni einen Großformatworkshop an. Darüber hinaus entsteht gemeinsam mit Silbersalz ein Workshop zum Arbeiten mit selbstgebauten Lochkameras.
Die Beteiligung von JOBO wirkt dabei durchaus konsequent. Kaum ein deutscher Hersteller ist so eng mit der Geschichte analoger Filmentwicklung verbunden. Das 1923 gegründete Unternehmen entwickelte unter anderem die legendären JOBO-Tanksysteme, mit denen Fotografen Filme eigenständig entwickeln konnten. Selbst NASA-Aufnahmen der Apollo-11-Mission wurden mit JOBO-Equipment verarbeitet. Heute konzentriert sich das Unternehmen weiterhin stark auf analoge Entwicklungsprozesse und Großformattechnik.
Interessant ist dabei, dass analoge Fotografie inzwischen nicht mehr nur aus nostalgischen Gründen Aufmerksamkeit erhält. Gerade jüngere Fotografen entdecken Film zunehmend als bewusste kreative Einschränkung. Die langsameren Prozesse, die begrenzte Anzahl an Aufnahmen und die physische Materialität gelten vielen inzwischen als befreiend gegenüber der permanenten digitalen Verfügbarkeit.
Allerdings bleibt die analoge Renaissance auch ein Nischenphänomen. Filme, Chemie und Labortechnik werden teurer und schwieriger verfügbar. Viele Verfahren erfordern spezialisiertes Wissen und funktionierende Infrastruktur. Analoge Fotografie besitzt deshalb heute weniger den Charakter eines Massenmediums als vielmehr den eines bewusst gepflegten kulturellen Handwerks.
Genau darin könnte jedoch die eigentliche Stärke des ANALOGUE Photo.Festivals liegen. Es versucht nicht, analoge Fotografie als rückwärtsgewandte Technikromantik zu inszenieren, sondern als bewusste Haltung gegenüber Bildern und ihrer Entstehung. In einer Zeit maximaler digitaler Beschleunigung setzt das Festival auf Konzentration, Materialität und den Wert des fotografischen Prozesses selbst.
Zum Abschluss der ersten Biennale findet am 14. Juni mit „Lumen by Night“ und einem Closing Clubbing eine gemeinsame Abschlussveranstaltung statt. Die Veranstalter wollen damit nicht nur 200 Jahre Fotografie feiern, sondern auch den Auftakt für ein langfristig etabliertes Festivalformat schaffen.












