Der Begriff des Fotografen hat sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder verändert. Vom „Lichtbildmeister“ über den „Fotodesigner“ bis hin zum heutigen „Content Creator“ spiegeln die Bezeichnungen nicht nur technische Entwicklungen, sondern auch ein verändertes Selbstverständnis wider. Im Gespräch zeichnet Rolf Sachsse diesen Wandel nach – und relativiert zugleich manche vermeintlich neue Entwicklung.
Rolf Sachsse, vom Lichtbildner zum Content Creator – ist das wirklich ein Bruch oder eher Kontinuität?
Eigentlich ist der Content Creator so alt wie die Fotografie selbst. Das wurde früher nur anders benannt. Wenn man sich historische Beispiele anschaut, etwa die frühen Olympischen Spiele 1896 in Athen, dann sieht man sehr deutlich, dass es schon damals weniger um einzelne Bilder ging als um deren Vermarktung, Distribution und Kontextualisierung.
Ein Fotograf wie Albert Meier hat nicht nur fotografiert, sondern ein ganzes System aufgebaut: Exklusivrechte organisiert, andere Fotografen eingebunden, Bildpakete produziert und international vertrieben. Das ist im Grunde nichts anderes als das, was wir heute Content Creation nennen. Der Unterschied liegt eher im Selbstverständnis.
Welche Rolle spielen Berufsbezeichnungen in diesem Wandel?
Berufsbezeichnungen sind immer Ausdruck sozialer Positionierung. Das beginnt schon beim Begriff „Lichtbildmeister“, der handwerklich geprägt ist, und reicht bis zum „Bildjournalisten“, der eine andere gesellschaftliche Rolle beansprucht.
Heute erleben wir wieder eine Verschiebung. Der Begriff „Content Creator“ wirkt moderner, ist aber zugleich unschärfer. Er beschreibt eher eine Funktion im Kommunikationssystem als eine spezifische Kompetenz.
Ich bin deshalb vorsichtig mit solchen Begriffen. Sie sagen oft mehr über Marktmechanismen aus als über die tatsächliche Arbeit.
Was ist denn dann heute die zentrale Aufgabe eines Fotografen?
Ich würde sagen: Der Fotograf stellt ein „Framing“ her. Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Es geht nicht mehr nur um das einzelne Bild, sondern um den Kontext, in dem dieses Bild entsteht, gezeigt und verstanden wird. Dieses Framing umfasst die Intention, die Distribution, die Präsentation und letztlich auch die ökonomische Verwertung.
In diesem Sinne ist der Fotograf heute Teil einer visuellen Vermittlungsindustrie.
Das klingt, als würde die klassische Fotografie an Bedeutung verlieren.
Nicht unbedingt. Sie verändert sich, aber sie verschwindet nicht. Es wird immer Bereiche geben, in denen fotografische Expertise notwendig ist – etwa in der Wissenschaft, in der Industrie oder in der Dokumentation.
Gleichzeitig ist Fotografie heute nur noch eine von vielen Möglichkeiten, visuelle Inhalte zu erzeugen. Das war früher anders. Als ich 1967 meine Ausbildung begann, war mir bereits klar, dass ich in einen Beruf einsteige, der sich grundlegend verändern würde.
Die Einführung des Fernsehens, später die Digitalisierung – all das hat die Rolle der Fotografie verschoben.
Ist der Fotograf heute also tatsächlich ein Content Creator?
Er kann es sein, aber er muss es nicht. Der Begriff ist mir ehrlich gesagt zu eng und zugleich zu unpräzise.
Ein Content Creator kann sehr unterschiedliche Dinge tun – von strategischer Medienbespielung bis hin zu rein funktionaler Bildproduktion. Das hat nicht zwangsläufig etwas mit fotografischer Qualität oder gestalterischer Kompetenz zu tun.
Ich würde eher sagen: Der Fotograf bewegt sich heute in einem erweiterten Feld, in dem Content Creation eine mögliche Rolle ist.
Welche Bedeutung hat dabei die Form, also das Bild selbst?
Die Form bleibt entscheidend. Auch im digitalen Kontext gilt: Wenn die Form nicht stimmt, wird der Inhalt nicht angenommen.
Allerdings folgt die Form heute stärker der Funktion. In sozialen Medien etwa bestimmen Plattformlogiken, Algorithmen und Nutzerverhalten, wie Bilder gestaltet werden. Das ist eine andere Situation als in der klassischen Fotografie, aber keine, in der Gestaltung unwichtig wäre.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang?
Ich spreche lieber von Deep Learning als von Künstlicher Intelligenz. Das beschreibt besser, worum es geht: komplexe algorithmische Systeme, die Bildprozesse unterstützen oder automatisieren.
Diese Systeme sind längst Teil der Bildproduktion – auch in der Fotografie selbst. Smartphone-Bilder sind heute hochgradig berechnete Produkte. Die Grenze zwischen Fotografie und generiertem Bild ist dadurch fließend geworden.
Für mich ist entscheidend, dass wir diese Prozesse reflektieren. Die Technik allein ist nicht das Problem, sondern der Umgang mit ihr.
Verändert sich dadurch auch der Begriff der Fotografie?
Ja, aber das ist nichts Neues. Die Fotografie hat sich immer verändert – technisch, ästhetisch und gesellschaftlich.
Ich sehe Fotografie nicht als eng definiertes Medium, sondern als Teil eines größeren Komplexes der Bildproduktion. Entscheidend ist für mich das stehende Bild. Wie dieses Bild entsteht, ist eine zweite Frage.
Was bedeutet das für die Zukunft des Berufs?
Der klassische Beruf im Sinne eines klar abgegrenzten Tätigkeitsfeldes existiert so nicht mehr. Das gilt aber nicht nur für die Fotografie, sondern für viele Berufe.
Fotografen müssen heute flexibler sein, sich in unterschiedliche Kontexte einpassen und verschiedene Rollen übernehmen können. Gleichzeitig bleibt eine Konstante: die Fähigkeit, Bilder zu machen, die Bedeutung haben.
Man kann den Beruf nicht mehr mit der Erwartung beginnen, ihn ein Leben lang unverändert auszuüben. Aber man kann mit der Hoffnung beginnen, ein Leben lang gute Bilder zu machen.
Gibt es Bilder, die wir in Zukunft nicht mehr brauchen?
Nein, diese Kategorie gibt es für mich nicht. Jedes Bild hat zunächst einmal einen Kontext, in dem es entstanden ist, und damit eine potenzielle Bedeutung.
Was sich verändert, ist die Relevanz. Viele Bilder sind heute Teil eines flüchtigen Kommunikationsraums, etwa in sozialen Medien. Sie haben eine sehr kurze Halbwertszeit.
Aber auch das gehört zur Fotografie. Entscheidend ist nicht, ob ein Bild existiert, sondern wie und wo es verortet ist.
Ihr Fazit zum Wandel des Berufsbildes?
Der Fotograf ist nicht verschwunden, sondern Teil eines größeren Systems geworden. Vom Lichtbildner zum Content Creator ist weniger ein Bruch als eine Erweiterung.
Die entscheidende Frage ist heute nicht mehr, wer ein Bild macht, sondern wer den Kontext bestimmt, in dem dieses Bild wirkt.
ZUR PERSON

Rolf Sachsse, Selbstporträt
Prof. Dr. Rolf Sachsse, geboren 1949, ist Medienhistoriker, Autor und Hochschullehrer mit einem außergewöhnlich breit gefächerten Zugang zur Fotografie. Geprägt durch sein familiäres Umfeld – beide Eltern waren Fotografen, der Vater zeitweise Assistent von Albert Renger-Patzsch und in engem Austausch mit August Sander – kam Sachsse früh mit der fotografischen Praxis und ihren gesellschaftlichen Kontexten in Berührung.
Seine eigene Laufbahn begann 1967 mit einer Fotografenlehre bei Walde Huth und Karl-Hugo Schmölz, die er mit der Gesellenprüfung abschloss. Anschließend studierte er in München und Bonn Kunstgeschichte und finanzierte sich parallel durch Auftrags- und Dokumentationsfotografie. 1983 promovierte er über die Geschichte der Architekturfotografie.
Ab Mitte der 1980er-Jahre folgte eine langjährige akademische Tätigkeit mit Lehraufträgen und Professuren im Bereich Design, Medien und Fotogeschichte, unter anderem an der Hochschule Niederrhein in Krefeld, der HBKsaar in Saarbrücken, dem Hooghe Instituut voor Schone Kunsten in Antwerpen sowie der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
Seit 1978 arbeitet Sachsse kontinuierlich als Autor, Kurator und Fotograf. Seine Veröffentlichungen umfassen zahlreiche wissenschaftliche Texte, Essays und Rezensionen zu Fotografie, Architektur, Design und Kunst. In seiner Arbeit verbindet er historische Perspektive mit einer kritischen Analyse aktueller Entwicklungen – insbesondere im Spannungsfeld von Bildproduktion, Technologie und gesellschaftlicher Funktion. www.rolfsachsse.de












