„Bilder werden heute schneller angezweifelt als je zuvor“ sagte Henner Flohr, Leiter der Bildredaktion der FAZ kürzlich in unserem Online-Gespräch für die Deutsche Gesellschaft für Fotografie (DGPH). In Zeiten von KI, Desinformation und einer unüberschaubaren Bilderflut ist das kaum überraschend. Für den Fotojournalismus bedeutet das jedoch nicht das Ende seiner Relevanz, im Gegenteil. Denn je mehr Bilder kursieren desto wichtiger wird die Frage, welche davon glaubwürdig sind, wer sie produziert hat und in welchem Kontext sie entstehen. Vertrauen wird damit zu einer der zentralen Währungen der visuellen Berichterstattung.
Das Online-Gespräch der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht im März brachte dazu spannende Perspektiven zusammen. Mit Prof. Dr. Karen Fromm von der Hochschule Hannover und Henner Flohr konnte ich über Ausbildung, Praxis und die Zukunft des Fotojournalismus diskutieren. Dabei wurde deutlich, wie stark sich das Feld verändert hat. Der Studiengang an der Hochschule Hannover trägt mittlerweile den Namen „Visuell Journalism and Documentary Photography“ und steht neben Fotografie für eine Erweiterung hin zu multidisziplinären visuellen Kompetenzen. Gleichzeitig verändern sich die Interessen der Studierenden, statt klare Ziele und Berufsbilder wie die Arbeit für Bildredaktionen, steht ein offener Zugang zum Medium Fotografie im Vordergrund, ergänzt durch praxisrelevante Erfahrungen wie Praktika in Redaktionen, die Expertise und Zusammenarbeit fördern.
Trotz dieser Veränderungen bleibt die Bedeutung authentischer Bilder zentral. Gerade im Premium-Segment journalistischer Medien gewinnt der Name einer Fotografin oder eines Fotografen an Gewicht, während Bildredaktionen täglich aus einer enormen Menge an eingehenden Fotos auswählen prüfen und verifizieren müssen. Diese Auswahl wird zur Schlüsselkompetenz in einer Welt, in der nicht der Mangel, sondern der Überfluss an Bildern die Herausforderung ist. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen durch Handyfotos von Augenzeugen, die neue Perspektiven liefern, aber auch Fragen nach Qualität, Ethik und Kontext aufwerfen. Hinzu kommt, dass gerade aus Konfliktregionen oft nur schwer verlässliche Bilder verfügbar sind, berichtet Henner Flohr, weil politische Bedingungen die Arbeit von Fotografierenden einschränken. Diese Diskrepanz zeigt, trotz visueller Überfülle gibt es gleichzeitig eine Unterversorgung mit glaubwürdigen Bildern dort, wo sie besonders wichtig wären. Parallel dazu steigt das Misstrauen gegenüber Bildern insgesamt, Leserinnen und Leser vermuten zunehmend Manipulation oder KI-Einsatz selbst bei authentischen Aufnahmen, macht Henner Flohr mit Beispielen aus der FAZ deutlich. Redaktionen reagieren darauf mit mehr Transparenz in ihren Arbeitsprozessen und der bewussten Offenlegung von Bildentstehung und Auswahl. Technische Lösungen wie Herkunftsnachweis oder Zertifikate werden diskutiert, können aber Vertrauen allein nicht herstellen. Entscheidend bleibt die Glaubwürdigkeit von Fotografierenden und Redaktionen sowie deren nachvollziehbare Arbeitsweise.
Auch beim Einsatz von KI zeigt sich eine klare Differenzierung. In der Ausbildung und Recherche wird sie als Werkzeug genutzt, berichtet Karin Fromm, während die FAZ-Bildredaktion bewusst darauf verzichtet, KI-generierte Bilder in der Berichterstattung einzusetzen, um Vertrauen nicht zu gefährden.
Die Zukunft des Fotojournalismus hängt damit nicht nur von technologischen Entwicklungen ab, sondern vor allem von Vertrauen, Transparenz und nachhaltigen Strukturen. Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen gibt es Hoffnung durch wachsende digitale Abonnements und neue Finanzierungsmodelle, die Qualitätsjournalismus unterstützen können. Letztlich bleibt die Aufgabe unverändert, Wirklichkeit sichtbar zu machen und Orientierung zu geben. Gerade in einer Zeit in der Bilder allgegenwärtig sind, entscheidet nicht ihre Menge, sondern ihre Glaubwürdigkeit über ihren Wert.
Das große Interesse des Publikums an den Themen des Abends zeigte einmal mehr, wie viel Gesprächsbedarf aber auch Erwartungen und Hoffnungen an die Fotografie und den Fotojournalismus geknüpft sind.
Wer mag, kann dieses Gespräch in der DGPh-Mediathek nachhören.
Und wie stärken sie Vertrauen durch ihre Bilder?
Silke Güldner coacht Fotografinnen und Fotografen dabei, ihr Potenzial und ihre Kompetenz im Foto-Business zu entwickeln, zu präsentieren und zu verkaufen.











