Lin Zhipeng wurde 1979 in der Provinz Guangdong geboren, im selben Jahr, als Deng Xiaoping die Macht in China übernahm. Während seiner College-Zeit begann er als Autodidakt zu fotografieren. Sein damaliger Blog und folgende selbstverlegte Publikationen machte ihn zunächst in China und bald auch international bekannt. Seine Themen sind bis heute Pop-, Jugend-, Gender- und Subkultur sowie Sexualität in all ihren Facetten. Der selbstgewählte Name 223 ist ein Zeichen der Hochachtung für den Regisseur Wong Kar-Wai, in dessen Film „Chunking Express“ es die Figur Cop 223 gibt. Atmosphäre und Ästhetik des Films haben ihn inspiriert. Jens Pepper hat mit ihm über sein neues Buch „Amour Défendu“ gesprochen, das in Paris fotografiert wurde.

Jens Pepper: Letztes Jahr hast du dein Buch „Amour Défendu“ (Verbotene Liebe) bei Akio Nagasawa Publishing in Japan veröffentlicht. Es handelt sich um ein Projekt, das du bereits im September 2023 in Paris fotografiert hast: Fotos von nackten jungen Menschen in den Straßen der französischen Hauptstadt, Fotos voller Lebensfreude und Unbeschwertheit. Was hat dich dazu bewogen, nach dem 2018 erschienenen Buch „Grand Amour“, das vollständig im gleichnamigen Pariser Hotel aufgenommen wurde, ein weiteres Buch mit Aktfotos in der Stadt zu machen?
Lin Zhipeng aka 223: Nachdem ich 2018 bei meinem Projekt „Grand Amour“ mit der Kuratorin und Produzentin Anna Mistal zusammengearbeitet hatte, planten wir ein neues Projekt. Doch dann kam die Pandemie und erst fünf Jahre später konnten wir an „Amour Défendu“ arbeiten. Als ich 2023 endlich wieder außerhalb Chinas reisen durfte, haben wir das Projekt schließlich abgeschlossen. Wir stellten uns nackte Models auf den Straßen vor, wo Zärtlichkeit auf überraschende Weise auf Risiko trifft und die Liebe ihre Komplexität und Verletzlichkeit offenbart.
Ich suche Herausforderungen, die mich aus meiner
Komfortzone herausholen, insbesondere solche, die Verspieltheit mit kreativer Intensität und authentischem künstlerischem Ausdruck verbinden. Die Rückkehr nach Paris nach der langen Pandemiepause, um dieses Projekt zu realisieren, bot mir genau das. Ich hatte Paris schon oft besucht, doch dieses Mal kehrte ich mit neuen Augen zurück. Anstatt an der Perspektive eines Besuchers festzuhalten, versuchte ich, die Stadt so zu erleben, als würde ich zu ihr gehören. Dieser Wandel ermöglichte es, eine Landschaft der Intimität und Liebe in den Bildern zu zeigen.

In einem Interview, das wir vor einigen Jahren geführt haben, hast du mir erzählt, dass du es vorziehst, auch in Europa mit asiatischen Menschen als Models zu arbeiten, weil du dich mit denen, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben, wohler fühlst. Wäre das Buch anders geworden, wenn du dich für weiße, braune oder schwarze Models entschieden hättest?
Es wäre kein anderes Buch geworden. Der Aufnahmestil würde weiterhin meiner fotografischen Sprache folgen, aber der einzigartig asiatische Ton in der Arbeit wäre vielleicht weniger ausgeprägt, wie zum Beispiel die „asiatische Hockhaltung“, die ein Charakteristikum der chinesischen Straßenkultur ist: junge Leute hocken auf der Straße, trinken Bier und rauchen. Das sind subtile körperliche und kulturelle Unterschiede, die Chinesen von Ausländern unterscheiden.
Wie hast du deine Models für dieses Projekt gefunden?
Ich veröffentliche Model-Casting-Aufrufe in meinen sozialen Medien, wie zum Beispiel auf Instagram und Weibo.
Leben alle Models, mit denen du bei diesem Projekt zusammengearbeitet hast, in Paris, oder sind einige extra aus China angereist, weil sie mit dir arbeiten wollten?
Die meisten Models leben in Paris, einige reisten jedoch extra aus London und der Schweiz für das Shooting an. Sie sind sehr daran interessiert, an meinem Fotoprojekt teilzunehmen und die Protagonisten meiner Arbeiten zu werden.

Lin Zhipeng aka 223 ©Xiang Zhenhua
Obwohl das Buch in Paris fotografiert wurde, gibt es nur wenige Bilder, die typische Szenen zeigen, wie die Frau auf dem Fahrrad auf der Pont des Arts oder das Seine-Ufer mit seinen mächtigen Kaimauern. Sacré-Cœur sieht man nur einmal im Hintergrund, der Eiffelturm fehlt, soweit ich mich erinnere. In gewisser Weise ist es ein Paris-Buch, ohne die Paris-Klischees zu präsentieren. Warum hast du dich dafür entschieden, es so zu machen?
Wie ich bereits anfangs erwähnt habe: Anstatt die Perspektive eines Besuchers beizubehalten, habe ich versucht, die Stadt so zu erleben, als würde ich zu ihr gehören. Ich war schon oft in Paris und kenne die Stadt recht gut. Aber genau wie auf meinen Reisen rund um die Welt besuche ich selten beliebte Touristenattraktionen. Selbst wenn ich in eine bekannte Stadt reise, versuche ich immer sehr lokale Orte und Viertel auszuwählen und übermäßig touristische Gegenden zu meiden. Es gab eine Szene auf einem Dach während des Shootings, da war der Eiffelturm tatsächlich zu sehen und hätte als Hintergrund dienen können, aber ich entschied mich stattdessen für die Richtung des Sonnenlichts und eine eher gewöhnliche Pariser Skyline. Daher erschien der Turm nicht auf der endgültigen Aufnahme.
Wie lief die Suche nach möglichen Aufnahmeorten ab?
Anna Mistal hat früher in Paris gelebt und kennt die Stadtviertel besser als ich. Deshalb hat sie im Vorfeld einen Plan gemacht, in welche Richtung es gehen sollte, in welche Gegenden. Bei den Shootings sind wir dann jedoch meist ziellos durch die Straßen gestreift. Während mein Model und ich so entlanggingen, stießen wir auch mal zufällig auf eine Szene, die ich festhalten wollte. Ich ließ mich dann schnell vor Ort inspirieren und machte die Aufnahmen in kürzester Zeit – sagen wir fünf oder zehn Sekunden. Genau diese Art von kreativem Prozess liebe ich: voller Ungewissheit, Spontanität und Spannung.
Haben die Pariser reagiert, als sie dich und die halbnackten Models bemerkten? Oder sind sie einfach weitergegangen, als sie erkannten, was vor sich ging? In der Stadt finden unzählige Mode-Shootings statt, daher ist die Situation für die meisten Menschen vielleicht gar nicht so ungewöhnlich.
Meistens gab es bei unseren Shootings keinerlei Störungen, die Passanten in Paris schienen daran gewöhnt zu sein. Normalerweise entschieden wir uns dafür, früh morgens oder spät abends zu arbeiten, wenn weniger Menschen auf den Straßen sind, um niemanden zu stören und unnötigen Ärger zu vermeiden. Bei einem Shooting im legalen FKK-Bereich des Bois de Vincennes in Paris wurden wir jedoch von einer vorbeikommenden Frau mittleren Alters angesprochen. Das war wohl eine extrem konservative Pariserin, aber glücklicherweise war der Arbeitstag zu diesem Zeitpunkt schon fast vorbei.
Wie sahen die Shootingtage aus? Habt ihr alle mit einem gemeinsamen Frühstück oder Kaffee begonnen? Wie waren die organisiert?
Die Shootings dauerten insgesamt etwa eine Woche. Wir haben entweder früh morgens oder spät abends fotografiert, je nach Ort. Unseren Zeitplan haben wir allerdings immer sehr locker und spontan gestaltet. Wenn wir müde waren, haben wir eine Pause gemacht und uns einen Kaffee geholt, um dann weiterzudrehen. Manchmal haben wir die Arbeit nicht fortgesetzt, wenn bestimmte Umstände dies unmöglich machten. Wir hatten zum Beispiel ursprünglich vor, in der U-Bahn zu fotografieren, aber da wir nicht vorhersagen konnten, wann es dort ruhig genug sein würde, mussten wir diese Idee letztendlich aufgeben.
Während der Fotosessions wurdet ihr von einem Kameramann begleitet, der den gesamten Prozess gefilmt hat. War es das erste Mal, dass eine Dokumentation über eines deiner Shootings produziert wurde?
Ja, es war das erste Mal, dass eine Dokumentation gefilmt wurde, die den gesamten Prozess meines Projekts zeigt. In der Vergangenheit gab es zwar einige fragmentarische Videoaufnahmen, aber die hatten nicht die Form einer richtigen Dokumentation.
Im Film sieht man, dass du analog sowohl mit einer kleinen Kompaktkamera als auch mit einer Spiegelreflexkamera arbeitest. Bleibst du aus einem bestimmten Grund bei der analogen Fotografie?
Das Fotografieren auf Film ist schon lange so etwas wie eine „schlechte Angewohnheit“ von mir. Ich arbeite seit Beginn meiner Karriere mit Film, und das sind nun schon über zwanzig Jahre. Mich hat schon immer seine Unvorhersehbarkeit fasziniert – das macht den Reiz des Films aus. Ich liebe das Gefühl der Improvisation und das Unbekannte. Außerdem bin ich ziemlich faul, daher muss ich bei Film keine Nachbearbeitung wie Farbkorrekturen oder Bildbearbeitung vornehmen.
Wie viele Fotos hast du für dieses Projekt aufgenommen und wie viele Bilder hast du für diese Serie ausgewählt? Hast Du nur die ausgewählt, die im Buch sind, oder noch andere, die du für Ausstellungen verwendest?
Für dieses Projekt habe ich mehr als 30 Filmrollen mit insgesamt über 1.200 Aufnahmen gemacht, aus denen ich schließlich über 200 Arbeiten ausgewählt habe. Nur 75 davon sind im Buch, aber die übrigen, die nicht in der Publikation sind, werde ich nach und nach in Ausstellungen zeigen.
Sind einige dieser Fotos in deiner aktuellen Einzelausstellung im Fotografiska in Shanghai zu sehen? Was zeigst du dort?
Ja, mehrere Arbeiten aus „Amour Défendu“ sind in der Fotografiska-Ausstellung in Shanghai zu sehen. In der Präsentation werden verschiedene Themen aus meiner zwanzigjährigen Karriere als Fotograf gezeigt, über 100 Werke. Dazu gehören Arbeiten auf Film von 2004 bis 2024 sowie Polaroids. Die Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche: die Verwischung der Grenzen zwischen Haut und Alltagsgegenständen, intime Emotionen und Naturbilder. Es ist eine Zusammenfassung meiner unterschiedlichen kreativen Ausrichtungen im Lauf der Jahre.
Noch eine Frage zu Paris. Für Europäer und viele Amerikaner ist Paris ein Traumziel: die Stadt der Liebe, des guten Essens, der Mode, der wunderschönen Architektur usw. Ist Paris auch für Chinesen ein Traumziel?
In der Tat ist Paris in den Augen der Chinesen ein Traumziel, insbesondere für junge Menschen, die Kunst und Mode lieben. Wer gerne reist, wird sich ein Reiseziel wie Paris niemals entgehen lassen.
Das ganze Buch dreht sich um Liebe, die Schönheit der Menschen und der Stadt, harmonisches Zusammenleben und so weiter. Warum haben Sie den Titel „Verbotene Liebe“ gewählt, der auf etwas Problematisches hindeutet, das ich in deinen Bildern nicht erkennen kann?
In meiner Arbeit beschäftige ich mich seit langem mit verschiedenen Formen von Liebe, Sexualität und Geschlecht – einschließlich Transgender-Identitäten – sowie mit dem Spannungsfeld zwischen zeitgenössischem Verlangen und traditionellen Werten. „Amour Défendu“ wurde schnell und diskret an öffentlichen Orten aufgenommen, was es zu einem Werk macht, das sich ganz und gar mit verbotener Liebe befasst.
Dein erstes Paris-Buch, „Grand Amour“, wurde bei Witty Books in Italien veröffentlicht. Hatten die kein Interesse daran, den Folgeband herauszubringen? Du hast nun mit einem japanischen Verlag zusammengearbeitet.
Natürlich ist Witty Books ein großartiger Verlag, aber ich genieße es wirklich, mit verschiedenen Verlagen und Designern zusammenzuarbeiten. Ich betrachte meine Bücher gerne als Teil meiner Kunst; sie sollten experimentell und abwechslungsreich sein, und genau das macht sie interessant. Dieses Buch wurde im November 2023 im Rahmen einer Dokumentarfilmvorführung im MEP in Paris vorgestellt. Akio Nagasawa aus Japan sah sich den Dokumentarfilm an und bot während der Fragerunde sofort an, das Buch zu veröffentlichen. Ich stimmte damals zu, und wir hatten bis jetzt auf die offizielle Veröffentlichung gewartet.
Wird es in Zukunft eine weitere Zusammenarbeit mit Anna Mistal geben? Vielleicht wieder an einem Paris-Buch?
Sicher, wir planen bereits ein neues Projekt. Anna ist Kuratorin und Produzentin, und wir harmonieren hervorragend miteinander, wobei die Rollen klar verteilt sind. Unser nächstes Projekt wird wahrscheinlich außerhalb von Paris stattfinden, in einem anderen Land oder einer anderen Stadt.
Aktuelle Ausstellung: „No.223 [Lin Shipeng], Under the Sunlight, There is No True Intimacy“, Fotografiska Shanghai, bis 14. Juni
Alle Fotos: © © Lin Zhipeng aka 223
Porträt: Lin Zhipeng aka 223, Foto: © Xiang Zhenhua












