Gesellschaftliche Wahrnehmung von Kriegen und Krisen setzt sich heute vor allem aus unzähligen Social-Media-Einzelteilen zusammen.
Das wollten wir wissen:
1) Haben Fotografien aus Kriegs- und Kriesengebieten im Vergleich zu Millionen von Handybildern und -filmen auf Social Media noch eine Chance Meinungsbildend zu sein?
2) Geht die Ära der klassischen fotografischen Kriegsberichterstattung ihrem Ende entgegen?
3) Was müssen Kriegs- und Krisenberichterstatter ihrer Meinung heute leisten, um wahrgenommen zu werden?

Claire Ducresson-Boët ©Emma Fiacchini
Claire Ducresson-Boët
Fotohistorikerin und Ausstellungsmanagerin bei Fotografiska Berlin
www.claireducressonboet.com/en/
1) Meiner Meinung nach haben die jüngsten Konflikte und Kriege nicht nur gezeigt, dass bestimmte Bilder sich nach wie vor von den Millionen abheben können, die ununterbrochen in den sozialen Medien zirkulieren, und in großem Umfang Resonanz finden, sondern auch, dass die sozialen Medien selbst manchmal die Existenz und Verbreitung dieser Bilder erst ermöglichen, indem sie als erster Kanal dienen, über den sie später die traditionellen Nachrichtenmedien erreichen.
Als ausländischen Journalisten der Zutritt zum Gazastreifen verwehrt wurde, konnten lokale Journalisten sowie normale Bürger über die sozialen Medien einem internationalen Publikum den andauernden Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung zeigen. Insbesondere Fotos, die die weit verbreitete Hungersnot dokumentierten, verbreiteten sich online in großem Umfang und lösten starke Empörung aus. Eindrucksvolle, ergreifende Bilder haben auch in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie noch immer eine starke Wirkung auf die Betrachter. Die virale Verbreitung bestimmter Kriegsbilder zeigt, dass wir nach wie vor sehr empfänglich für visuelle Beweise von Gewalt und Ungerechtigkeit sind.
Dennoch bleibt die Frage, ob Fotos tatsächlich die Macht haben, die öffentliche Meinung zu „prägen“, eine der hartnäckigsten Debatten – wenn nicht gar ein Mythos – des Fotojournalismus. Der Kausalzusammenhang zwischen einem Bild und einem Wandel in der öffentlichen Meinung ist weitaus komplexer und schwer zu messen. Selbst der Einfluss eines so ikonischen Beispiels wie des Fotos vom „Napalm-Mädchen“ auf die amerikanische öffentliche Meinung oder den Ausgang des Vietnamkriegs wurde weitgehend angezweifelt. Was sich mit dem Aufkommen der sozialen Medien geändert hat, ist vielleicht weniger die Wirkung der Bilder selbst als vielmehr die Frage, wer sie tatsächlich sieht. Die Auswirkung algorithmischer „Blasen“ bedeutet, dass das eigentliche Risiko nicht so sehr darin besteht, dass Kriegsbilder unbemerkt bleiben, sondern vielmehr darin, dass sie vor allem unter einem Publikum zirkulieren, das bereits informiert, bereits interessiert und bereits empört ist.
2) Zunächst müssten wir klären, was hier unter „klassischer fotografischer Kriegsberichterstattung“ zu verstehen ist. Mehr noch als die Fotografie selbst hat der Fotojournalismus – sei es allgemein oder im Kontext des Krieges – eine relativ junge Geschichte. Im Laufe dieser Geschichte hat sich der Beruf ständig an die Fortschritte in der Bildgestaltung und den Reproduktionstechnologien sowie an Veränderungen in der Pressewirtschaft und der Medienlandschaft insgesamt angepasst.
Über diese technischen Faktoren hinaus haben auch ethische Grundsätze und berufliche Standards ihre eigene Geschichte; sie waren nicht von Anfang an festgelegt, sondern haben sich im Laufe der Zeit allmählich entwickelt. Was oft als „goldenes Zeitalter“ des Fotojournalismus in Erinnerung bleibt, war in Wirklichkeit ein relativ kurzer Zeitraum, der dennoch einen bleibenden Einfluss darauf hatte, wie der Beruf wahrgenommen wird, und zu einer starken Mythologisierung beitrug, in deren Mittelpunkt ikonische Figuren und wegweisende Ereignisse stehen.
Zudem ist die Vorstellung, dass der Kriegsfotojournalismus „sein Ende finden“ könnte, selbst eine immer wiederkehrende Befürchtung, die bei jedem größeren technologischen Wandel wieder auftaucht. Die aktuellen Bedenken hinsichtlich der Bedrohung durch KI-generierte Bilder ähneln stark den Ängsten, die den Übergang zur Digitalfotografie begleiteten. In ähnlicher Weise löste die weitverbreitete Nutzung von Handys mit Kamera Anfang der 2010er Jahre zusammen mit dem Aufkommen des sogenannten „Bürgerjournalismus“ Befürchtungen aus, dass professionelle Kriegsfotografen an Bedeutung verlieren oder gar ganz verschwinden könnten. Diese Entwicklungen fielen mit der wirtschaftlichen Schwächung der Presse zusammen, was ausländischen Fotojournalisten den Zugang zu Konfliktgebieten erschwerte und zur Prekarisierung des Berufsfeldes beitrug.
Meiner Meinung nach hat sich der Fotojournalismus als fähig erwiesen, sich an diese Veränderungen anzupassen. Natürlich stellen die jüngsten technologischen Entwicklungen Herausforderungen in einem beispiellosen und geradezu schwindelerregenden Ausmaß dar. Zwar sind Falschinformationen, Bildmanipulationen und „Fälschungen“ – insbesondere in Kriegszeiten – nichts Neues, doch lassen sie sich heute einfacher und schneller als je zuvor produzieren und verbreiten. Dennoch würden diese technologischen Herausforderungen nicht ganz so unüberwindbar erscheinen, wenn sie nicht durch umfassendere wirtschaftliche und politische Umwälzungen innerhalb des Medienökosystems verschärft würden: Privatisierung, Konzentration des Eigentums in den Händen weniger Konzerne und eine wachsende Missachtung seitens politischer Akteure.
3) Im aktuellen Kontext scheinen mir Fragen der Urheberschaft, der Quelle und des Kontexts wichtiger denn je zu sein. Angesichts des rasant zunehmenden Fotorealismus künstlicher Bilder – und der weit verbreiteten Skepsis, die sie hervorrufen – rückt die Frage nach der Herkunft von Bildern absolut in den Mittelpunkt. Die Glaubwürdigkeit eines Bildes hängt heute weniger davon ab, was es zeigt, als vielmehr davon, wer es erstellt und geteilt hat. Mit anderen Worten: Der Absender ist mehr denn je ein entscheidender Faktor dafür, ob wir dem, was wir sehen, vertrauen.
„Vertrauenswürdigkeit“ wird somit zum Kernwert eines Bildes, und ich glaube, dass dieses Vertrauen nur gemeinsam und kooperativ wirksam aufgebaut werden kann. Besonders überzeugend finde ich die Idee eines „Netzwerks vertrauenswürdiger Zeugen“, wie es Jennifer Good und Paul Lowe in Understanding Photojournalism (2017) beschreiben. Fragen der Authentizität und Verifizierung werden bereits aktiv von verschiedenen Akteuren in diesem Bereich angegangen, oft in Zusammenarbeit mit Kameraherstellern und Anbietern von Bildbearbeitungssoftware.
Doch über die Fotojournalisten hinaus liegt die Verantwortung auch bei uns als Bürger. Wir spielen eine Rolle bei der Gestaltung des Informationsökosystems durch das, was wir konsumieren und teilen. Das bedeutet, wachsam gegenüber den Quellen zu bleiben, auf die wir uns verlassen, und den Bildern, die unser Verständnis der Welt prägen, kritischer gegenüberzustehen.

Enno Kaufhold ©privat
Enno Kaufhold
Fotohistoriker und Fotograf
www.enno-kaufhold.de
1) Ja, aber … „Aber“ deshalb, weil einzelne Fotografien nicht erst durch Social Media an Wirkmächtigkeit verloren haben. Bereits mit dem Film, hier insbesondere den Wochenschauen, aber in der Folge auch mit den Fernsehbildern verloren Fotografien an Einfluss. Erwähnt sei die Gründung der UFA 1917, also gegen Ende des Ersten Weltkriegs, mit dem Ziel, den Film für die staatsnahe Propaganda zu instrumentalisieren und zwar sowohl im Bereich der Unterhaltung als auch dem der Information. Was aber immer noch für die Fotografie gesprochen hat und weiter spricht, das ist die Autorenschaft und der individuell geschärfte Blick, womit nicht zuletzt die bildgestalterische Qualität gemeint ist. So wie die weltweite Alphabetisierung nicht die Lyrik, die Reportage, den Roman obsolet gemacht hat, machen die milliardenfach existierenden Bilder aus den Smartphones den Einsatz der Kamera nicht überfällig. Wie und mit welcher Kompetenz sie eingesetzt wird, das ist entscheidend. Wie bisher haben die auch ästhetisch überzeugenden Bilder im Vergleich mit den lapidaren, heute milliardenfach existierenden Bildern aus den Smartphones weit eher die Chance der momentanen wie längerfristigen Beachtung. Historische Beispiele dafür sind die Kriegsbilder von Goya, also sein Graphik-Zyklus Los desastres de la guerra, genauso wie die Gemälde und Graphiken von Otto Dix mit Kriegsszenen aus dem Ersten Weltkrieg. Dem sind die ikonisch gewordenen Fotografien hinzuzufügen, die nicht zuletzt auch wegen ihrer ästhetisch-gestalterischen Qualitäten in unser kollektives Gedächtnis Eingang gefunden haben. Die ästhetische Gestaltung ist der Schlüssel zur meinungsbildenden Qualität.
2) Ja, aber … Wenn von „klassisch“ die Rede ist, dann meint das unausgesprochen Kriegs- und Krisenfotografie wie die von Roger Fenton, Mathew Brady, Robert Capa, Larry Burrows, Philip Jones Griffiths, Anja Niedringhaus oder James Nachtwey, um nur die stellvertretend zu nennen. Capa und die nachfolgend genannten wie ungenannten Fotografinnen und Fotografen konnten sich gegen die Übermacht des Films und dann des Fernsehens behaupten. Wobei ihnen zugutekam und das gilt bis auf den heutigen Tag, dass sich stehende Bilder, wie einzelne Fotografien, dem Gedächtnis eher einprägen als die laufenden Bilder des Films und des Fernsehens. Als ein konkretes Beispiel, wenn es um die Selbstbehauptung des einzelnen Fotografen gegenüber der Allmacht der institutionalisierten Medien geht, sei auf Griffiths verwiesen, der seit Mitte der 1960er Jahre den Vietnamkrieg fotografierte. Technisch gesprochen sendeten die Fernsehsender zur selben Zeit nach wie vor konventionell aufgenommene Filme, das aber mit einer weit größeren Verbreitung als noch zu Wochenschau-Zeiten. Als kritische Reaktion darauf veröffentlichte Griffiths 1971 sein Buch Vietnam Inc. mit seinen Texten und seinen Fotografien und machte so seine ganz individuelle Sicht auf den Krieg, wie er ihn erlebt hatte, deutlich. Ein Höhepunkt der noch analogen, klassischen Fotografie. Die Digitalisierung der fotografischen Bilder muss davon schon im Ansatz unterschieden werden, da sie jenseits konventioneller Gepflogenheiten von der Aufnahme bis zur Distribution anderen und vermehrten Anwendungsmöglichkeiten gehorcht.
3) Grundsätzlich können und müssen sie dieselben Wege der Distribution wählen, die allgemein genutzt werden, also neben den herkömmlichen Einrichtungen wie den Bildagenturen auch die Social-Media-Kanäle mit den diversen Formen der digitalen Vernetzungen. Die entscheidende Frage ist jedoch, welche Narrative sie mit ihren Bildern stärken wollen. Wollen sie die vorherrschenden, zumeist ideologisch ausgerichteten Narrative bedienen, wie sie vorzugsweise die großen Bildagenturen verfolgen, oder wollen sie eine kritische Position einnehmen. Davon ist nicht zu trennen, welche Haltung die fotografierende Person einnimmt. Mit dieser Entscheidung ergibt sich, von welcher Klientel sie wahrgenommen werden, von der angepassten Mehrheit, oder von der kritischen Minderheit. Neben der Haltung zählt das Insistieren auf die ästhetische Gestaltung und auf die Pointierung inhaltlicher Aspekte. Als solche müssen die Bilder im Sinne einer Handschrift von der Masse existierender Bilder unterscheidbar sein. Angesichts der zunehmend an Verbreitung findenden KI-generierten Bilder ist Haltung die einzige Münze, mit der sich die Fotografierenden davon absetzen und ihre Stellung behaupten können. Denn letztlich geht es gerade beim Genre Kriegsbilder um Glaubwürdigkeit.

Stefan Günther
Stefan Günther
Bildredaktion NZZ und NZZ am Sonntag
www.nzz.ch/impressum/stefan-guenther-ld.1850190 (oder)
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Professionelle Fotografie von kriegerischen Auseinandersetzungen erreicht vor allem über traditionelle Medien nach wie vor ein großes und wichtiges Publikum. Zwar verliert die gedruckte Ausgabe mit zum Teil ikonografischen Titelbildern an Bedeutung, weil die Print-Abonnentenzahlen zurückgehen. Gleichzeitig verzeichnen die bildstarken Onlineportale der Medienhäuser steigende Abo-Zahlen und damit erhalten die dort veröffentlichten zumeist professionellen Bilder steigende Aufmerksamkeit und Wirkmächtigkeit. Grosse Medien üben für Bilder eine technische und inhaltliche Gatekeeper-Funktion aus. In Zeiten von Bildern aus unzähligen Quellen, die meist mit privaten Mobiltelefonen erstellt wurden, haben Medienhäuser den Anspruch sowie die Kapazität nur verifizierte Bilder zu veröffentlichen. Das sind zum größten Teil Bilder von Pressefotografen, die dadurch ein großes Publikum erreichen und dessen Wahrnehmung prägen.
Die professionelle Kriegsberichterstattung wird bestehen bleiben, weil vor allem erfahrene und mit Namen bekannte Fotografen und Fotografinnen eine nachvollziehbare und im besten Fall neutrale Einordung der abgebildeten Ereignisse ermöglichen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund einer immer schwierigeren Verifizierung und Einordnung von immer mehr Bildern, die aus nicht nachvollziehbaren Quellen stammen. In den aktuellen Konflikten und Kriegen nimmt zusätzlich die Verbreitung von mit Systemen Künstlicher Intelligenz generierten Bildern zu. Gerade erst musste der Spiegel aus einigen Beiträgen Bilder einer iranischen Quelle entfernen, da sie nachweisbar KI-generiert waren. Diese Art der Verzerrung der Wirklichkeit wird damit von einer theoretischen Diskussion zu einer ganz realen Größe. Die Zusammenarbeit mit Fotografen, die man langfristig und vielleicht sogar persönlich kennt, ist gerade in so schwierigen und sensiblen Kontexten die beste Möglichkeit vertrauenswürdige und gute Bilder zu erhalten.
Fotografen, die im Feld der Kriegs- und Krisenberichterstattung tätig sein wollen, müssen nach wie vor eine nachvollziehbare, möglichst neutrale Dokumentation der Ereignisse liefern. Gleichzeitig müssen ihre Bilder Ereignisse formal verdichten, um wirkmächtig und schnell erfassbar zu funktionieren. In Zeiten von schnell verfügbaren Nachrichten-Bildern werden für Zeitungen und Magazine aber auch unterschiedliche Perspektiven in Kriegsgebieten wichtiger. Fotografen, die aus kriegerischen Konflikten berichten, sollten also auch die Fähigkeit haben Geschichten zu finden und zu fotografieren, die z.B. aus sehr persönlichen Perspektiven betroffener Menschen oder durch visuell eindrückliche Spuren den Konflikt erzählen.

Florian Bachmeier ©Ester Neri Hernández Sánchez
Florian Bachmeier
Fotograf
florianbachmeier.com
1) Die schiere Masse an Bildern und Videos aus Krisengebieten, die heute über Social Media verbreitet werden, verändert die Wahrnehmung stark. Vieles ist unmittelbar, ungefiltert und erreicht Menschen schneller als klassische Fotoreportagen. Gleichzeitig führt genau diese Flut auch zu Abstumpfung und Orientierungslosigkeit. Ich glaube, dass fotografische Arbeiten aus Kriegs- und Krisengebieten gerade deshalb weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Nicht, weil sie schneller sind – sondern weil sie einordnen, verdichten und Verantwortung übernehmen. Eine gute Fotografie entsteht nicht nur im richtigen Moment, sondern auch durch Kontext, Nähe, Vertrauen und eine bewusste Entscheidung, was gezeigt wird und was nicht.
Aus meiner eigenen Arbeit heraus erlebe ich, dass Menschen sich nach Bildern sehnen, die über das rein Dokumentarische hinausgehen – Bilder, die Zusammenhänge sichtbar machen und Geschichten erzählen, ohne zu vereinfachen. Meinungsbildend können sie also weiterhin sein. Vielleicht nicht mehr allein durch Reichweite, sondern durch Tiefe, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, inmitten von unzähligen Bildern Bedeutung zu schaffen.
2) Aus meiner Sicht geht es weniger um ein Ende als um eine Verschiebung. Die Bedeutung liegt heute nicht mehr nur im „Dabeisein“, sondern in der Einordnung, im langfristigen Arbeiten und im bewussten Erzählen von Geschichten. Vertrauen aufzubauen, Hintergründe sichtbar zu machen und auch Ambivalenzen auszuhalten, wird wichtiger als das einzelne, spektakuläre Bild. Gleichzeitig bleiben professionelle Standards entscheidend: Verifikation, ethische Verantwortung, Kontext. Gerade in einem Umfeld, in dem Desinformation und visuelle Überforderung eine große Rolle spielen, kann klassische fotografische Arbeit Orientierung bieten. Ich glaube daher nicht, dass diese Form der Berichterstattung verschwindet. Aber sie muss sich weiterentwickeln – weg vom reinen Ereignisbild, hin zu einer tieferen, reflektierten Auseinandersetzung mit dem, was Krieg für Menschen bedeutet.
3) Ich glaube, sie müssen heute vor allem anders arbeiten als früher – nicht lauter, sondern genauer.
In meinem Fall ist es ja so, dass ich kein klassischer Kriegsberichterstatter bin. Ich habe langfristig in der Ukraine gearbeitet, und der Krieg kam irgendwann zu mir – nicht umgekehrt. Das prägt auch meinen Blick: Es geht mir weniger um das einzelne Ereignis als um Entwicklungen, Brüche und Kontinuitäten im Alltag der Menschen. Um heute wahrgenommen zu werden, reicht es nicht mehr, „vor Ort“ zu sein. Das sind viele. Entscheidend ist, ob man Vertrauen aufbaut, ob Menschen einen über längere Zeit an ihrem Leben teilhaben lassen und ob daraus Geschichten entstehen, die über den Moment hinausgehen.
Gleichzeitig spielt Kontext eine große Rolle. Bilder müssen heute stärker eingeordnet werden – journalistisch, aber auch visuell. Warum ist diese Situation so, wie sie ist? Was ist davor passiert? Was bedeutet das für die Menschen langfristig? Und dann ist da noch die Frage der Haltung. In einer Zeit, in der Bilder inflationär zirkulieren, wird Glaubwürdigkeit zentral. Transparent zu arbeiten, respektvoll mit den Menschen umzugehen und sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein, ist aus meiner Sicht entscheidend. Wahrgenommen wird man heute nicht unbedingt durch Reichweite allein, sondern durch Kontinuität, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, in einer komplexen Realität Orientierung zu geben.

Sven Pehrs ©Nicole Woischwill
Sven Pehrs
Head of Picture Desk, IMAGO Images
www.imago-images.de
Also generell haben wir bei IMAGO nicht direkt mit Bildmaterial aus Social Media zu tun. Es gibt durchaus Situationen, wo Partneragenturen entsprechendes Bildmaterial anbieten. Wir löschen aber in der Regel diese Bild-Angebote von unserer Plattform, da die Urheberschaft oftmals unklar ist.
Darüber hinaus sind die Authentizität und die journalistische Sorgfalt bei der Erstellung solcher Beiträge nicht sicher gewährleistet. Unsere Kunden haben da – zu Recht – einen hohen Anspruch und wir möchten sicherstellen, dass kein womöglich manipuliertes NEWS-Bildmaterial über uns angeboten wird.
Zu Ihren Fragen:
Dementsprechend möchte ich ganz klar feststellen, dass Fotografien aus Kriegs- und Krisengebieten von Fotojournalisten für uns immer noch das Rückgrat der Berichterstattung bilden. Also in der Theorie sollten vorrangig diese sauber journalistisch arbeitenden Quellen die Grundlage der Meinungsbildung aller sein. Wir wissen aber alle, dass viele Mitbürger sich oftmals anders „informieren“.
Ich denke, dass im Zuge der allen verfügbaren KI-Bildproduktionen und der – zumindest gefühlten – Schwemme dieses Contents, das Merkmal „Authentizität“ eine Renaissance des Journalismus einläuten kann. Man merkt dies an vielen Formulierungen in der aktuellen Berichterstattung, dass vielen Bildern, Videos und Meldungen nicht mal mehr vom berichtenden Medium selbst ohne weiteres vertraut wird. Das heißt für mich, es gibt für vertrauenswürdige Quellen zunehmend ein gesteigertes Interesse!
Was heißt das für den Fotojournalisten:
Jeder Medien-„Skandal“ oder einfach Sorglosigkeit im Umgang mit manipulierten Bildmaterial, stärkt die eigene Marke des Fotografen für authentisches Bildmaterial. Transparenz zur Arbeitsweise und Sorgfalt bei der Beschriftung hilft dem Kunden, Vertrauen (wieder) aufzubauen und diese Arbeit auch angemessen zu würdigen. Die Relevanz des guten Fotojournalisten sehe ich insofern nicht gefährdet.

Marco Urban
Marco Urban
Fotograf und Vorsitzender des Vorstands FREELENS e.V.
www.marco-urban.de
1) Ich denke ja – aber nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie noch vor 20 oder 15 Jahren. Natürlich sind die Menschen vor Ort heute immer näher dran und sie sind immer schneller. Das kann den Fotojournalist*innen so gar nicht mehr gelingen. Krisenberichterstattung ist heute auch sehr viel gefährlicher geworden und manchmal ist sie fast unmöglich. Aber ein Foto, dass aus einer bestimmten Überlegung heraus gemacht wurde, nach dem vorher gesucht und auf das vielleicht gewartet wurde, fotografiert mit einer klaren Idee, etwas zu transportieren, das wird immer etwas anderes sein, als die vielen Smartphone-Amateurbilder, bei denen Komposition eher Zufall ist. Es geht bei guter Krisenfotografie auch immer um Ästhetik. Das mag befremdlich klingen, aber es geht darum, den Inhalt des Fotos zu transportieren. Das Foto soll sich in das Gedächtnis des Betrachtenden einbrennen und sich nicht sofort wieder verflüchtigen. Dafür ist Bildästhetik wichtig. Weniger als Selbstzweck, mehr als Mittel zum Zweck.
2) Man kann das nur vermuten. Denn es spricht tatsächlich einiges dafür, und das ist nicht die Konkurrenz der Amateur-Smartphones. Sondern es liegt daran, dass immer weniger Redaktionen bereit sind, Krisenfotografie angemessen zu bezahlen. Sicher gibt es immer wieder freie Kolleg*innen, die auch ohne festen Auftrag in gefährliche Gegenden aufbrechen, aber das wird zum einen immer gefährlicher und zum anderen wird immer weniger dafür getan, diese Kolleg*innen abzusichern.
Für klassische Krisenfotografie spricht aber in Zeiten von KI, dass es immer wichtiger wird, die Authentizität der Fotografien eindeutig nachweisen zu können. Das ist mit Smartphone-Bildern aus unklaren Quellen kaum noch möglich, wie die letzten Fälle gezeigt haben, und es wird immer mehr solcher nahezu perfekt gemachten KI-Fakes geben. Denn falsche Bilder sind auch eine Form der Kriegführung. Waren sie schon immer, aber heute sind sie mit viel geringerem Aufwand in viel größerer Zahl sehr viel leichter in Umlauf zu bringen.
3) Die Frage, ob man „wahrgenommen“ wird, stellt sich bei den Kolleg*innen, die für Nachrichtenagenturen oder im Auftrag für renommierte Bildagenturen arbeiten eigentlich nicht. Ihre Bilder kommen über die regulären Distributionskanäle in die Redaktionen. Ich glaube nicht, dass man Krisenberichterstattung machen sollte, um wahrgenommen zu werden. Die Gefahr, bei solchen Einsätzen umzukommen, schwer verletzt zu werden oder auch traumatisiert, ist immens groß. Krieg ist kein Abenteuer, auf das man sich einlässt, um wahrgenommen zu werden. Krieg ist Krieg. Mit Toten, mit Schwerverletzten. Viele lässt es nie wieder los, was sie dort gesehen und erlebt haben. Wenn überhaupt, sollte man sich nur dann in solche Regionen begeben, wenn man sich darauf durch spezifische Trainings vorbereitet hat, wenn man absolut sicher ist, auch unter Beschuss noch rational zu handeln. Man sollte das nur tun, wenn man einen Auftraggeber hat, der im Zweifelsfall auch bereit ist, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um einen irgendwo wieder rauszuholen. Niemand sollte Krisenfotografie machen, weil er auf der Suche nach Ruhm ist. Oder von mir aus nennt es „Wahrnehmung“. Davon abgesehen: Es gibt heute überall auf der Welt lokale Kolleg*innen, es braucht keine Europäer oder Amerikaner mehr, um Kriege in Asien oder Afrika zu fotografieren. Diese lokalen Fotograf*innen haben jeden Grund, zu fotografieren, was in Ihrer Heimat passiert. Es ist Ihre Geschichte. Sie verdienen unsere Unterstützung.
von Jens Pepper













