Die Politik hat ein neues Feindbild entdeckt: KI-generierte Deepfakes, insbesondere im pornografischen Kontext. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will nun reagieren – mit einem Gesetz gegen digitale Gewalt, das Herstellung und Verbreitung solcher Inhalte unter Strafe stellt.
Das ist richtig. Und überfällig. Denn wer einmal gesehen hat, wie täuschend echt KI-generierte Bilder inzwischen sind, versteht sofort: Hier geht es nicht um Spielerei, sondern um reale Verletzungen von Persönlichkeitsrechten. Für die Betroffenen ist es letztlich egal, ob ein Bild „echt“ ist – entscheidend ist, dass es wirkt.
Und genau hier beginnt das Problem. Fotografie hatte immer einen impliziten Wahrheitsanspruch. Selbst im Zeitalter digitaler Bildbearbeitung blieb zumindest die Annahme bestehen, dass ein Foto irgendwann auf eine reale Situation zurückgeht.
Mit KI fällt diese Grundlage weg. Deepfakes sind keine Manipulationen mehr – sie sind vollständige Konstruktionen. Und sie sind nicht mehr nur Experten vorbehalten, sondern für jeden verfügbar, der einen Browser bedienen kann.
Für Fotografen bedeutet das: Das, was sie tun – Bilder von Realität erzeugen – verliert seine Selbstverständlichkeit als Referenz. Der politische Reflex ist nachvollziehbar: Strafbarkeit schaffen, Plattformen in die Pflicht nehmen, Betroffenen bessere Rechte geben. All das ist notwendig. Aber es bleibt ein Gesetz gegen Symptome.
Denn das eigentliche Problem ist nicht nur die Verbreitung, sondern die Existenz dieser Bilder selbst – und die Tatsache, dass sie sich nicht mehr zuverlässig von fotografischen Bildern unterscheiden lassen. Ein Verbot wird daran nichts ändern.
Für Fotograf:innen wirft das Gesetz ganz praktische Fragen auf: Wo verläuft künftig die Grenze zwischen legitimer Bildbearbeitung und unzulässiger Manipulation? Was passiert mit künstlerischen Arbeiten, die bewusst mit Fiktion, Inszenierung oder KI arbeiten?
Wird der Kontext entscheidend – oder die Technik? Die Gefahr ist real, dass ein gut gemeintes Gesetz neue Unsicherheiten schafft. Nicht nur für Täter, sondern auch für diejenigen, die mit Bildern arbeiten.
Die eigentliche Herausforderung: Am Ende geht es nicht nur um Strafrecht, sondern um Vertrauen.
Wenn jedes Bild potenziell ein Fake sein kann, verändert sich nicht nur die Wahrnehmung von Bildern – sondern auch ihre gesellschaftliche Funktion. Für den Fotojournalismus ist das eine fundamentale Herausforderung. Für die angewandte Fotografie eine leise, aber nachhaltige Verschiebung.
Die Frage ist daher nicht nur, wie wir Deepfakes bestrafen. Sondern wie wir künftig noch glaubwürdige Bilder erzeugen – und erkennen. Das geplante Gesetz ist notwendig, weil es Betroffene schützt und eine offensichtliche Lücke schließt. Aber es löst nicht das eigentliche Problem. Für Fotograf:innen markiert die Debatte einen Wendepunkt: Die Zeit, in der Fotografie als visuelle Referenz für Wirklichkeit galt, geht endgültig zu Ende.
Was danach kommt, ist offen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht.
(Kommentar: Thomas Gerwers, Bild: KI-generiert)













