Wer aktuell die Rencontres d’Arles besucht, erlebt ein ungewohntes Stadtbild. Die offiziellen Ausstellungen des Fotofestivals laufen noch bis zum 4. Oktober, doch etwas fehlt: die zahllosen Plakate, die während der Sommermonate traditionell Mauern, Bauzäune und Fassaden überziehen. Die Stadt geht inzwischen konsequenter gegen „affichage sauvage“ vor. Verständlich – und trotzdem ein Verlust.
Arles während der Opening Week im Juli war immer auch ein visuelles Chaos. Neben den offiziellen Bannern der Rencontres klebten überall die Plakate kleiner Galerien, Pop-up-Ausstellungen, Fotografen und Initiativen. Manche professionell gestaltet, manche improvisiert, manche schon nach wenigen Tagen halb abgerissen und von der nächsten Lage Papier überklebt.
Schön war das nicht immer. Aber es gehörte dazu.
Wer durch die Altstadt lief, sah nicht nur, was im offiziellen Festivalprogramm stattfand. Die Mauern erzählten von jener zweiten, dritten und vierten Ebene des Festivals, die Arles während dieser Wochen erst zu diesem besonderen Ort für Fotografie macht. Ein Plakat führte zum nächsten, eine Ausstellung in eine Seitengasse, ein handgeschriebener Hinweis vielleicht zu einer Entdeckung, die in keinem großen Programm stand.
Damit soll zunehmend Schluss sein.
Die Geduld der Stadt ist erschöpft
Ende Juni, unmittelbar vor Beginn der diesjährigen Rencontres, stellte die Stadt einen verschärften Plan gegen sogenannte „incivilités“ vor. Bürgermeister Patrick de Carolis erklärte die bisherige Toleranz für ausgereizt. Im historischen Zentrum wurden Graffiti und wild angebrachte Plakate entfernt; zusätzliche personelle und rechtliche Mittel sollen Verstöße künftig konsequenter verfolgen. „Affichage sauvage“ gehört ausdrücklich zu den Verhaltensweisen, gegen die sich die Initiative richtet.
Neu ist das Problem nicht. Bereits 2022 ließ Arles allein zwischen Place de la République, Rue de l’Hôtel-de-Ville, Rue du Cloître und Rue de la Bastille rund 100 Quadratmeter ohne Genehmigung geklebter Plakate entfernen.
Natürlich hat die Stadt gute Gründe. Arles ist kein Festivalgelände, sondern Lebensraum seiner Einwohner und ein historisches Ensemble von außergewöhnlichem Wert. Private Fassaden sind keine kostenlosen Litfaßsäulen. Wer nach einem Festival Tausende Papierfetzen, Kleisterreste und beschädigte Oberflächen beseitigen muss, wird für die romantische Vorstellung fotografischer Anarchie nur begrenzte Begeisterung entwickeln.
Und dennoch greift eine Politik zu kurz, die das Problem ausschließlich als Verschmutzung betrachtet.
Sichtbarkeit ist eine Währung
Denn die wilden Plakate waren auch eine Art analoger Algorithmus der Fotowoche. Sie verschafften gerade denen Sichtbarkeit, die keine großen Kommunikationsbudgets besitzen. Ein Fotograf mit einem Raum in einer Nebenstraße konnte neben einer Institution mit sechsstelliger Ausstellungskalkulation zumindest für einen Augenblick dieselbe Wand beanspruchen.
Natürlich war auch das ungerecht, chaotisch und gelegentlich rücksichtslos. Aber es war demokratischer als eine Stadt, deren sichtbare Kommunikation ausschließlich auf genehmigten Flächen stattfindet, die knapp, reguliert oder teuer sind.
Gerade Arles lebt von diesem Spannungsverhältnis. Während der Opening Week der Rencontres wird die Stadt von einer Vielzahl unabhängiger Ausstellungen und Initiativen übernommen. Arles verkauft sich in diesen Monaten nicht nur als Kulisse für Fotografie. Die Fotografie wird Teil des öffentlichen Raums.
Wenn die Stadt diese Form von Sichtbarkeit schon während des Festivals verhindert und verfolgt, geht es längst nicht mehr nur um Sauberkeit. Es verändert sich damit ein Teil der Kultur, die Arles während der Fotowochen ausmacht.
Nicht verbieten, sondern ermöglichen
Die Alternative kann kaum darin bestehen, illegales Plakatieren einfach hinzunehmen. Eine Fotostadt wie Arles könnte aber etwas anderes tun: temporäre Flächen schaffen, auf denen während des Festivals ausdrücklich plakatiert werden darf. Mauern, Bauzäune, mobile Wände oder definierte Bereiche in den Quartieren könnten der freien Szene Raum geben, ohne historische Fassaden zu beschädigen.
Dann ließe sich nach dem Festival leicht aufräumen. Und bis dahin dürfte Arles wieder so aussehen, wie eine Stadt aussehen darf, wenn Tausende Fotografen aus aller Welt sie übernehmen.
Denn genau darin liegt das eigentliche Problem der neuen Ordnung: Arles droht nicht nur sauberer zu werden, sondern steriler.
Eine Stadt, die sich jeden Sommer als Welthauptstadt der Fotografie feiern lässt, sollte nicht nur deren offizielle Bilder dulden. Sie muss auch ein wenig von dem Chaos aushalten, aus dem Kultur entsteht.
tg
Foto oben: Jan Dyver / Ville d’Arles



















