Mit corr3ax bringt JOBO eine neue Software für die Perspektivkorrektur auf den Markt, die das Prinzip klassischer Fachkameraverstellungen in die digitale Nachbearbeitung übertragen will. Statt sich auf das automatische Ausrichten von Horizont und stürzenden Linien zu beschränken, berücksichtigt corr3ax drei Raumachsen. Neben Roll und Pitch kommt mit Yaw eine dritte Achse hinzu, die einen virtuellen Perspektivwechsel ermöglicht. Die Software wird zunächst ausschließlich für macOS angeboten und kostet 89 Euro einmalig – ProfiFoto-Leser erhalten zum Start zehn Prozent Rabatt mit dem unten genannten Code.
Entwickelt wurde corr3ax von dem renommierten Softwareentwickler Thorsten Lemke, der seit vielen Jahren für professionelle Bild- und Grafiksoftware steht. Vertrieb und Support von corr3ax werden über die Lemke Software GmbH abgewickelt. Erhältlich sein wird die Anwendung zugleich direkt über Apples App Store.
Wer Architektur fotografiert, kennt das Problem: Schon eine leichte Neigung der Kamera nach oben führt zu stürzenden Linien, eine nicht exakt horizontale Ausrichtung zusätzlich zu einem schiefen Horizont. Herkömmliche Perspektivwerkzeuge gleichen solche Fehler zwar aus, benötigen dafür aber meist manuelle Eingriffe oder eine nachträgliche Analyse des Bildinhalts.
corr3ax geht einen anderen Weg. Die Software greift bei geeigneten Kameras auf aufgezeichnete Neigungsdaten zurück und nutzt sie zur geometrischen Korrektur des Bildes. Aus den Informationen zu Roll und Pitch werden Horizontlage und vertikale Kameraneigung rekonstruiert. Auf dieser Grundlage soll das Bild automatisch und proportionsgetreu entzerrt werden können.
In der von JOBO gezeigten Vorabversion wirkt dieser Ansatz erfreulich direkt: Nach dem Laden der Aufnahme stehen die aus den Sensordaten gewonnenen Winkelwerte unmittelbar für die Korrektur zur Verfügung. Gerade bei Architekturmotiven lässt sich dadurch schnell nachvollziehen, welche Veränderung tatsächlich aus der Kameraneigung resultiert und welche darüber hinaus bewusst gestaltet wird.
Drei Achsen statt zwei
Die beiden ersten Achsen entsprechen weitgehend dem, was aus elektronischen Wasserwaagen moderner Kameras bekannt ist. Roll beschreibt die seitliche Neigung der Kamera und dient der automatischen Horizontbegradigung. Pitch erfasst die Neigung nach oben oder unten und bildet damit die Grundlage für die perspektivische Korrektur stürzender Linien.
Interessanter wird corr3ax mit der dritten Achse. Yaw beschreibt die horizontale Drehung der Kamera nach links oder rechts. JOBO spricht hier von einem „virtuellen Perspektivwechsel“, der über die Möglichkeiten einer klassischen Zwei-Achsen-Korrektur hinausgehen soll.
Damit lässt sich die Blickrichtung nachträglich verändern, ohne dass die Kamera bei der Aufnahme exakt frontal zum Motiv ausgerichtet gewesen sein muss. Die Funktion erinnert konzeptionell an die Verstellmöglichkeiten einer Fachkamera – allerdings nicht optisch während der Aufnahme, sondern rechnerisch in der Nachbearbeitung.
Beim Nachvollziehen des Workflows wird der Unterschied zur üblichen Perspektivkorrektur schnell sichtbar: Roll und Pitch bringen das Bild zunächst geometrisch „ins Lot“, Yaw setzt erst danach an und verändert den Eindruck des Aufnahmestandpunkts. Das ist mehr als das übliche Geradeziehen stürzender Linien.
Das zugrunde liegende Verfahren ist patentiert; JOBO nennt hierfür das deutsche Patent DE 1021500880 B4.
Virtuelle Fachkamera
Das Konzept zielt vor allem auf Anwendungen, bei denen geometrische Präzision entscheidend ist. Architektur-, Interieur- und Reprofotografie gehören ebenso dazu wie Aufnahmen, bei denen bislang ein Shift-Objektiv die naheliegende Lösung war.
corr3ax soll dabei nicht nur Linien gerade richten, sondern auch die Proportionen dargestellter Objekte berücksichtigen. Gerade das ist bei stärkerer perspektivischer Korrektur entscheidend: Werden Gebäude lediglich durch Verschieben einzelner Bildecken begradigt, können Breiten- und Höhenverhältnisse schnell unnatürlich wirken.
JOBO verspricht deshalb eine automatische, proportionsgetreue Entzerrung. Bei horizontaler und vertikaler Kameraneigung erfolgt zunächst die Zwei-Achsen-Korrektur über Roll und Pitch. Anschließend kann über Yaw der virtuelle Betrachtungswinkel manuell verändert werden.
Gestalterische Eingriffe sollen dabei in Schritten von 0,2 Grad möglich sein. Das klingt zunächst nach technischer Detailverliebtheit, erweist sich bei stärkeren Perspektivänderungen aber als sinnvoll: Schon kleine Änderungen des Winkels haben bei geradliniger Architektur sichtbar Einfluss auf die Bildwirkung.
Perspektivwechsel ohne Shift-Objektiv
Besonders interessant erscheint dieser Ansatz dort, wo Fotografen bewusst nicht mit einem Shift-Objektiv arbeiten wollen oder können. Ein Shift-Objektiv verlangt nicht nur zusätzliche Ausrüstung, sondern häufig auch einen vergleichsweise sorgfältigen Aufbau mit Stativ.
corr3ax verlagert einen Teil dieser Arbeit in die Software. Die Aufnahme kann zunächst mit einem konventionellen Objektiv erfolgen. Anschließend lässt sich die Perspektive anhand der Sensordaten korrigieren und zusätzlich über die Yaw-Achse verändern.
Das dürfte insbesondere bei spontanen Architekturaufnahmen interessant sein, bei denen eine exakte Positionierung der Kamera vor Ort nicht möglich ist. Die Software verspricht damit weniger eine digitale Kopie eines Shift-Objektivs als vielmehr einen anderen Workflow: Ein Teil der geometrischen Entscheidung wird vom Aufnahmezeitpunkt in die Nachbearbeitung verschoben.
Hinzu kommt die Stapelverarbeitung. Perspektivkorrekturen sollen damit nicht nur auf einzelne Aufnahmen, sondern automatisiert auf Bildserien angewendet werden können – beispielsweise wenn mehrere Bilder unter vergleichbaren Aufnahmebedingungen entstanden sind.
Auch für Kameras ohne Winkeldaten
Nicht jede Kamera schreibt ihre Neigungswinkel in die Bilddatei. corr3ax soll deshalb auch mit Aufnahmen von Kameras funktionieren, die entsprechende Sensordaten nicht bereitstellen.
In diesem Fall können Roll- und Pitch-Werte nachträglich kalibriert und in der Originaldatei oder einer Kopie gespeichert werden. Anschließend stehen laut JOBO ebenfalls die Korrekturfunktionen einschließlich des virtuellen Perspektivwechsels zur Verfügung.
Als Beispiel zeigt der Hersteller eine Aufnahme des Kölner Doms mit einer Canon EOS 5D Mark III und dem EF 24–70mm F2.8L II USM bei 24 mm. Für die Aufnahme werden ein Roll-Winkel von 0,2 Grad und eine Kameraneigung von 19,6 Grad angegeben. Nach der Kalibrierung erfolgt zunächst die automatische Roll- und Pitch-Korrektur, anschließend kann die Perspektive über Yaw weiter verändert werden.
Am Dom-Beispiel wird recht anschaulich, wie groß der Unterschied ausfallen kann. Aus der deutlich nach oben gerichteten Weitwinkelaufnahme entsteht zunächst eine sauber ausgerichtete Architekturansicht. Erst im zweiten Schritt wird der virtuelle Blickwinkel verändert. Gerade diese Trennung zwischen technischer Korrektur und gestalterischem Eingriff macht den Ansatz von corr3ax nachvollziehbar.
Das Bildfeld verändert sich
Eine solche nachträgliche Veränderung der Perspektive bleibt allerdings nicht ohne Folgen. Mit zunehmender Korrektur verändert sich auch das nutzbare Bildfeld.
Wird ein stark geneigtes Bild aufgerichtet oder über Yaw seitlich verschoben, entstehen zwangsläufig Bereiche außerhalb der ursprünglich aufgenommenen Bildinformation. Das ist prinzipbedingt und kein spezielles Problem von corr3ax.
Die einfachste Lösung ist ein entsprechender Beschnitt. Damit verkleinert sich allerdings der nutzbare Bildwinkel – unter Umständen erheblich. Alternativ lassen sich die bei der Transformation entstehenden Leerflächen heute mit generativen KI-Funktionen etwa in Photoshop ergänzen.
Gerade beim Kölner-Dom-Beispiel zeigt sich, warum diese Kombination interessant ist: Die eigentliche geometrische Korrektur übernimmt corr3ax, während fehlende Randbereiche anschließend per generativer Erweiterung ergänzt werden können. Dadurch muss ein stärkerer virtueller Perspektivwechsel nicht zwangsläufig mit einem entsprechend starken Beschnitt bezahlt werden.
Wichtig ist die Trennung beider Schritte: corr3ax selbst erzeugt keine zusätzlichen Bildinhalte. Die Software berechnet die Geometrie. Eine KI-basierte Ergänzung nicht aufgenommener Bildbereiche erfolgt anschließend in einer externen Bildbearbeitung.
Spezialwerkzeug statt RAW-Konverter
corr3ax versteht sich nicht als vollständige Bildbearbeitung. Tonwerte, Farben, Retusche und lokale Korrekturen bleiben weiterhin Aufgaben von Lightroom, Photoshop oder vergleichbaren Programmen.
Das wirkt im Workflow durchaus schlüssig. Die Bedienung konzentriert sich auf das eigentliche Spezialgebiet der Software, statt einen weiteren RAW-Konverter mit zahllosen Zusatzfunktionen aufzubauen. Die korrigierte Datei kann anschließend im gewohnten Bearbeitungsprogramm weiterverarbeitet werden.
In Verbindung mit generativer KI entsteht so ein durchaus zeitgemäßer Workflow: corr3ax korrigiert und verändert die Perspektive, Photoshop & Co. können das daraus resultierende Bildfeld vervollständigen.
Lemke entwickelt, JOBO positioniert
Hinter der Software steht mit Thorsten Lemke ein Entwickler mit langjähriger Erfahrung im Bereich professioneller Grafik- und Bildsoftware. Die technische Entwicklung und die spätere Betreuung sind damit nicht lediglich Teil eines einzelnen JOBO-Projekts, sondern in einer bestehenden Softwarestruktur verankert.
Die Lemke Software GmbH übernimmt Vertrieb und Support, auch wenn corr3ax direkt über den Apple App Store gekauft werden kann. JOBO tritt mit dem Produkt insbesondere im fotografischen Markt auf und positioniert corr3ax als Spezialwerkzeug für perspektivische Korrektur und Gestaltung.
Gerade dieser Punkt ist für professionelle Anwender nicht unwichtig: Bei spezialisierter Software entscheidet neben dem Funktionsumfang auch die Frage, ob Entwicklung, Wartung und Support dauerhaft abgesichert sind.
Einmal kaufen statt abonnieren
Bemerkenswert ist neben dem technischen Ansatz auch das Geschäftsmodell. corr3ax soll im Oktober 2026 für 89 Euro erscheinen. Dabei handelt es sich um einen einmaligen Kaufpreis; ein Abonnement oder sonstige laufende Kosten sind nicht vorgesehen.
In einem Softwaremarkt, in dem professionelle Bildbearbeitung inzwischen stark von Abomodellen geprägt ist, ist das durchaus ein Argument. Einschränkend gilt allerdings, dass corr3ax zum Start ausschließlich für macOS verfügbar sein wird.
Perspektive wird zum nachträglichen Parameter
Interessant an corr3ax ist letztlich weniger die automatische Begradigung stürzender Linien – entsprechende Funktionen gehören längst zum Standard professioneller RAW- und Bildbearbeitungsprogramme. Ungewöhnlich ist vielmehr der Versuch, die tatsächliche Lage der Kamera im Raum systematisch in die Nachbearbeitung einzubeziehen und mit der dritten Achse zusätzlich einen gestalterischen Perspektivwechsel zu ermöglichen.
Nach dem ersten Blick auf die Arbeitsweise erscheint vor allem die klare Trennung der drei Achsen überzeugend. Man versteht schnell, was automatisch korrigiert wird und an welchem Punkt die bewusste Gestaltung beginnt. Ob das Verfahren auch bei komplexer Architektur, extremen Weitwinkeln und großen Serien ebenso souverän funktioniert, wird allerdings erst ein ausführlicher Praxistest zeigen können.
Für Architektur- und Interieurfotografen könnte corr3ax damit eine interessante Alternative oder Ergänzung zu Shift-Objektiven und klassischen Transformationswerkzeugen werden. Besonders spannend ist die Verbindung mit generativer Bildbearbeitung: Wo durch den virtuellen Perspektivwechsel Bildfläche fehlt, muss heute nicht mehr zwangsläufig beschnitten werden.
Mit 89 Euro ohne Abo bleibt die Einstiegshürde vergleichsweise niedrig. corr3ax erscheint im Oktober zunächst ausschließlich für macOS. ProfiFoto-Leser erhalten zum Start 30 Tage lang zehn Prozent Rabatt mit dem Code PROFIFOTO10.



















