Mit der 48. Auktion richtet Leitz Photographica Auction den Blick erneut auf jene Kameras und Geräte, die nicht nur technische Werkzeuge waren, sondern die Geschichte der Fotografie und des Films mitgeprägt haben. Am 13. Juni kommen in der Leica Welt in Wetzlar einige außergewöhnliche Stücke zur Versteigerung, darunter seltene Leica-MP-Modelle aus den 1950er-Jahren sowie ein Lumière Cinématographe aus der Frühzeit des Kinos.
Die Auktion zeigt dabei einmal mehr, wie stark sich der Markt für historische Kameras verändert hat. Längst geht es nicht mehr allein um technische Sammlerobjekte oder nostalgische Liebhaberei. Historische Kameras werden zunehmend als kulturelle Artefakte verstanden – und zugleich als hochpreisige Wertanlagen.
Besonders deutlich wird dies an der Leica MP-33 in Schwarzlack. Die „M Professional“ zählt mit nur 402 produzierten Exemplaren insgesamt und lediglich 141 schwarz lackierten Kameras zu den seltensten jemals gefertigten Leica-Modellen. Entwickelt wurde sie ursprünglich für professionelle Reportagefotografen, die den schnellen Leicavit-Aufzug auch an einer M-Kamera nutzen wollten. Namen wie Alfred Eisenstaedt oder David Douglas Duncan stehen exemplarisch für jene Generation von Pressefotografen, die den Mythos der Leica entscheidend mitprägten.
Das nun angebotene Exemplar wurde 1957 nach Schweden ausgeliefert und kommt zusammen mit einem passenden Leicavit sowie einem schwarz lackierten Summicron 2/5 cm mit Messingfassung unter den Hammer. Gerade diese vollständigen Originalsets erzielen auf dem Sammlermarkt inzwischen regelmäßig Spitzenpreise.
Interessant ist dabei weniger die reine Seltenheit als die Symbolik solcher Kameras. Die MP steht wie kaum ein anderes Modell für den Übergang der Leica von der klassischen Messsucherkamera zum professionellen Werkzeug des modernen Fotojournalismus. Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch eine gewisse Ironie des heutigen Sammlermarktes: Kameras, die einst für harte Reportageeinsätze gebaut wurden, landen heute oft in klimatisierten Sammlervitrinen oder Investmentdepots.
Neben der schwarzen MP sorgt auch eine verchromte Leica MP mit prominenter Provenienz für Aufmerksamkeit. Das Exemplar mit der Nummer 368 gehörte dem italienischen Fotografen Tazio Secchiaroli, der in den späten 1950er-Jahren mit seinen spontanen Aufnahmen entlang der Via Veneto bekannt wurde. Secchiaroli gilt als einer der Wegbereiter des modernen Paparazzi-Fotografiestils und inspirierte Federico Fellini zur Figur des „Paparazzo“ in La Dolce Vita.
Gerade solche Provenienzen sind heute oft entscheidender als technische Eigenschaften. Der Sammlerwert historischer Kameras entsteht zunehmend durch ihre Geschichten, ihre früheren Besitzer und ihren kulturellen Kontext. Die Kamera wird damit zum historischen Dokument – ähnlich wie Musikinstrumente berühmter Musiker oder handschriftliche Manuskripte.
Mit dem E. Leitz New York Leica Gun RIFLE steht zudem ein außergewöhnliches Zubehörteil im Fokus der Auktion. Das seltene System wurde entwickelt, um schwere Teleobjektive stabiler führen zu können und Verwacklungen zu minimieren – lange bevor moderne Bildstabilisatoren oder Autofokus-Systeme existierten. Inspiriert von Tierfotograf Attilio Gatti, verband das RIFLE die Kamera mit einer gewehrähnlichen Schulterkonstruktion.
Rückblickend wirkt das Gerät fast wie ein früher Vorläufer moderner Stabilisierungssysteme. Gleichzeitig verdeutlicht es, wie experimentell und mechanisch geprägt professionelle Fotografie einst war. Die geringe Produktionszahl von vermutlich nur 12 bis 14 Exemplaren macht das Leica Gun RIFLE heute zu einer der seltensten Leica-Konstruktionen überhaupt.
Ein weiteres Highlight der Auktion reicht noch weiter zurück – bis an den Beginn der Filmgeschichte. Mit dem Lumière Cinématographe Nr. 207 wird eines jener Geräte angeboten, die Ende des 19. Jahrhunderts das Kino überhaupt erst möglich machten. Der von Auguste und Louis Lumière entwickelte Cinématographe vereinte Kamera, Kopiergerät und Projektor in einem kompakten, handbetriebenen System.
Die öffentliche Vorführung des Cinématographe am 28. Dezember 1895 in Paris gilt heute weithin als Geburtsstunde des kommerziellen Kinos. Dass eines dieser Geräte nun in Wetzlar versteigert wird, unterstreicht den erweiterten Fokus der Leitz Photographica Auction: Nicht nur Leica-Geschichte, sondern die gesamte Entwicklung fotografischer und filmischer Bildkultur wird zunehmend Teil solcher Auktionen.
Parallel zur Saalauktion baut Leitz außerdem sein Online-Angebot weiter aus. Mit „Leitz ON“ etabliert das Auktionshaus eine reine Online-Versteigerung, die vom 13. Mai bis 14. Juni läuft. Angeboten werden dort Kameras, Objektive, Zubehör und Fotografien aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Die Schätzpreise reichen laut Veranstalter von hohen dreistelligen bis zu niedrigen fünfstelligen Beträgen.
Diese Entwicklung zeigt auch, wie stark sich der Markt demokratisiert hat. Während Spitzenstücke wie seltene MP-Modelle oder frühe Kinotechnik weiterhin nur für wenige Sammler erreichbar bleiben, öffnen Online-Auktionen den Markt zunehmend auch für ambitionierte Einsteiger. Gleichzeitig steigt damit aber auch die Dynamik spekulativer Preisentwicklungen.
Die Leitz Photographica Auction gehört inzwischen zu den wichtigsten Spezialauktionen für historische Kameras weltweit. Dass dabei nicht nur technische Geräte, sondern ganze Kapitel der Medien- und Kulturgeschichte verhandelt werden, macht einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. Gerade in einer Zeit vollständig digitalisierter Bildproduktion wächst offenbar das Interesse an den physischen Ursprüngen fotografischer und filmischer Technik erneut.
Die 48. Leitz Photographica Auction findet am 13. Juni in der Leica Welt in Wetzlar statt. Gebote sind live vor Ort, telefonisch, schriftlich sowie online möglich. Weitere Auktionen folgen im Herbst mit der Fotografie-Auktion „Perspectives“ in Wien sowie der 49. Leitz Photographica Auction Ende November erneut in Wetzlar.
Foto oben: Leica MP-33
























