Der deutsche Fotokünstler Wolfgang Tillmans wird mit dem Roswitha Haftmann-Preis 2026 ausgezeichnet. Die mit 150.000 Schweizer Franken dotierte Auszeichnung gilt als höchstdotierter Kunstpreis Europas und würdigt Tillmans’ künstlerisches Gesamtwerk ebenso wie sein gesellschaftliches Engagement.
Mit der Entscheidung würdigt die Roswitha Haftmann-Stiftung einen Künstler, der die Fotografie seit den frühen 1990er Jahren maßgeblich geprägt und erweitert hat — weit über klassische dokumentarische oder kunstfotografische Konzepte hinaus.
Bekannt wurde Tillmans zunächst durch seine unmittelbaren und stilprägenden Fotografien der europäischen Clubkultur sowie der LGBTIQ+-Szene. Seine Arbeiten erschienen früh in Musik- und Lifestyle-Magazinen und machten ihn zu einem sensiblen Beobachter gesellschaftlicher Strömungen und jugendkultureller Milieus.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Tillmans seine fotografische Praxis kontinuierlich weiter. Neben Porträts entstanden Stillleben, Landschafts- und Himmelsaufnahmen, astronomische Arbeiten, abstrakte fotografische Experimente sowie installative Bildkonzepte.
Dabei rückte zunehmend auch die Materialität des Bildes selbst in den Mittelpunkt seines Interesses: Papier, Druck, Oberfläche, Präsentationsform und räumliche Inszenierung wurden integraler Bestandteil seiner künstlerischen Sprache.
Gerade dieser installative und konzeptuelle Umgang mit Fotografie machte Tillmans zu einer der einflussreichsten Positionen der zeitgenössischen Kunst. Seine oft großformatigen Wandinstallationen kombinieren Fotografien mit Fotokopien, Zeitungsausschnitten, Verpackungen, Postkarten oder gefundenem Material und lösen die Grenzen zwischen klassischer Fotografie, Installation und visueller Narration bewusst auf.
Die Stiftung bezeichnet Tillmans daher ausdrücklich als Vorreiter einer „variablen, installativen Fotokunst“, deren Einfluss bis heute weit über die Fotografie hinausreiche.
Zugleich hebt die Jury das politische und gesellschaftliche Engagement des Künstlers hervor. Tillmans setzte sich in den vergangenen Jahren wiederholt öffentlich für Demokratie, Offenheit und gesellschaftliche Teilhabe ein — unter anderem mit seiner Anti-Brexit-Kampagne 2016 sowie Initiativen zur Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern bei Bundestags- und Europawahlen.
Dieses gesellschaftliche Selbstverständnis spiegelt sich auch in der von Tillmans gegründeten Stiftung Between Bridges wider, die kulturelle und gesellschaftspolitische Projekte unterstützt.
Die Preisverleihung findet am 17. September 2026 im Kunsthaus Zürich statt. Die Laudatio hält Bernhart Schwenk, Chefkurator und Sammlungsleiter Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne in München.
Zu den bisherigen Preisträger:innen des Roswitha Haftmann-Preises zählen unter anderem Cindy Sherman, Jeff Wall, Rosemarie Trockel, VALIE EXPORT sowie Sigmar Polke.
Die Auszeichnung unterstreicht einmal mehr die besondere Stellung Wolfgang Tillmans’ innerhalb der internationalen Gegenwartskunst. Kaum ein anderer fotografischer Künstler hat in den vergangenen Jahrzehnten die Wahrnehmung fotografischer Praxis derart nachhaltig erweitert — von dokumentarischer Subkultur über abstrakte Bildexperimente bis hin zur installativen und politischen Fotokunst.













